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Artikel | saldo 08/2009

Nabelschnur: Warum sie nach der Geburt so wichtig ist

Ärzte schneiden die Nabelschnur nach der Geburt viel zu früh durch, kritisieren Fachleute. Das schadet dem Kind. Zwei Minuten zuwarten ist gesünder.

Nach der Geburt kommt für die Nabelschnur meist ein abruptes Ende: Ärzte schneiden sie sofort durch, oft bereits zehn Sekunden nachdem das Kind zur Welt gekommen ist. Der Grund dazu, sagen die Fachleute: Die Mutter soll nicht zu viel Blut verlieren. Das ist ein Irrglaube. Das renommierte schwedische Cochrane Institut hat kürzlich Studien dazu ausgewertet und kam zum Schluss: Zu frühes Abnabeln kann dem Kind schaden.

Auch viele Ärzte und Fachgesellschaften sehen dies mittlerweile ein. Thomas Berger, Chefarzt der Neonatologie am Kinderspital Luzern und Präsident der Schweizer Gesellschaft für Neonatologie: «Es häufen sich die Hinweise, dass ein zu rasches Abnabeln beim Kind, insbesondere bei Frühgeborenen, Nachteile haben könnte.» Schneidet man die Nabelschnur nicht durch, pulsiert sie nach der Geburt noch zwei bis drei Minuten weiter. Sie versorgt das Kind mit Blut und damit auch mit wertvollen Mineralstoffen wie zum Beispiel Eisen. Die Kinder leiden dadurch später seltener an Eisenmangel und können sich schneller an die neue Umgebung anpassen, weil sie mehr Blut haben und damit den Sauerstoff besser aufnehmen können.


Spätes Abnabeln ist auch bei einem Kaiserschnitt möglich

Zwar weist die Cochrane-Untersuchung darauf hin, dass in wenigen Fällen Neugeborene von zu viel Blut überfordert sein könnten und es zu Blutungen und Gelbsucht kommen könne. Doch das Risiko sei zu klein, um auf ein spätes Durchschneiden der Nabelschnur zu verzichten. Mathias Nelle, Leiter der Abteilung Neonatologie am Inselspital in Bern, sagt: «Wir beobachten nie Nachteile, wenn wir die Nabelschnur später abtrennen.»

Besonders Frühgeborene zeigen einen stabileren Kreislauf, können besser atmen und haben seltener eine der gefürchteten Hirnblutungen. Zudem brauchen sie während der ersten Lebensmonate weniger Blutersatz. Im Gegenteil: Frühgeborene, so zeigen Untersuchungen, liegen weniger lang auf der Intensivabteilung und können früher nach Hause.

Spätes Abnabeln ist selbst bei einem Kaiserschnitt möglich, obwohl die Nabelschnur mit dem Kind durch die offene Wunde gezogen wird. Nelle: «Wir können den Blutfluss so regulieren, dass nach 30 Sekunden ausreichend Blut im Neugeborenen ist.» Der Blutverlust ist für gesunde Mütter kein Problem, wie viele Fachleute ihnen weismachen wollen: Es handelt sich um höchstens einen Deziliter Blut. Zudem würden sie das Blut mit der Plazenta ohnehin verlieren.


Hebammen lassen Nabelschnur immer auspulsieren

Ein weiterer Vorteil: Spätes Abnabeln bringt Ruhe in die Geburt. Zu diesem Schluss kommt Yvonne Studer, Hebamme und Beraterin bei der Frauenberatungsstelle Appella: «Bei Hausgeburten und in Geburtshäusern lassen Hebammen die Nabelschnur immer auspulsieren und nabeln erst dann ab.»

In dieser Zeit kann sich auch der Vater erst einmal wieder fangen, wenn er die Nabelschnur durchtrennen möchte. Während dieser zwei bis drei Minuten liegt das Neugeborene dabei oft bei der Mutter auf dem Bauch. Auch das schadet dem Kind nicht. Nelle: «Wir haben beobachtet, dass dies den Blutfluss von der Plazenta zum Kind nicht behindert.» Schwangere sollten jedoch bereits vor der Geburt ihren Wunsch äussern, wann die Nabelschnur durchgeschnitten werden soll, rät Nelle.

26. April 2009 | Andreas Grote


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