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Artikel | Gesundheits-Tipp 02/2009

«Ich hatte sogar Suizid-Gedanken»

Jede achte Frau wird nach der Geburt schwer depressiv. Meist kann der Hausarzt helfen. Und: Medikamente sind kein Tabu, sagt Pharmakritiker Etzel Gysling.

 

Die 27-jährige Nicole Kofler hatte sich das Baby gewünscht, genauso sehr wie ihr Mann. Aber schon nach der Geburt des Töchterchens im Krankenhaus spürte Mutter Nicole, dass die kleine Joy sie eher störte als erfreute. Dem glücklichen Vater und den Verwandten gegenüber gab sie sich aber froh und glücklich. Doch auch zu Hause fühlte sich Nicole Kofler nicht besser: Sie empfand Joy gar als Bedrohung. Sie wollte weg, bekam Panikattacken und Herzrasen. Auch zwanghafte Gedanken stellten sich ein. Sie versorgte das Kind zwar notdürftig, aber nur widerwillig. Den Haushalt vernachlässigte sie völlig, selbst ihre Katzen mochte sie nicht mehr berühren. Doch alle Bekannten und Verwandten erwarteten eine glückliche junge Mutter. Für Nicole Kofler wurde die Situation unerträglich. Fünf Wochen nach der Geburt äusserte sie Suizidgedanken – der Hausarzt überwies die Patientin in eine psychiatrische Klinik.


Depressionen: Haus- und Frauenärzte oft überfordert

Seelische Probleme nach der Geburt sind weitverbreitet. Sehr häufig kann der Hausarzt sie behandeln und heilen. Nach etwa drei Monaten seien die meisten Frauen wieder gesund, sagt der Arzt Etzel Gysling in der Fachzeitschrift «Pharmakritik». Doch jede achte Schwangere fällt nach der Geburt in ein schwarzes Loch mit schweren Depressionen, wie Nicole Kofler. Sie können sogar psychotische Anfälle auslösen. In diesen Fällen sind Haus- und Frauenärzte oft überfordert. Manche erkennen auch die Schwere der Depression zu spät. In solchen Situationen sind Medikamente kein Tabu, auch wenn man stillt. Etzel Gysling: «Der Arzt muss das zusammen mit der Patientin sorgfältig abwägen.» Eine Depression kann die Frau und ihr Kind mehr gefährden als die Nebenwirkungen der Mittel. Viele Medikamente finden sich zwar in der Muttermilch wieder, doch in unterschiedlichen Mengen. Studien, so Gysling in der «Pharmakritik», weisen darauf hin, dass Mittel mit dem Wirkstoff Venlafaxin – zum Beispiel Efexor – besonders hohe Rückstände ergeben. Stillende Frauen sollten also besser auf andere Mittel ausweichen. Nicole Kofler hatte bereits abgestillt, als ihr der Arzt fünf Wochen nach der Geburt Medikamente verschrieb. Manche Frauen leiden bereits während der Schwangerschaft an Depressionen. Auch hier rät Gysling von bestimmten Medikamenten ab: und zwar von allen, die den Wirkstoff Paroxetin enthalten wie etwa Deroxat. Der Grund, so Gysling: «Kinder von Müttern, die in der Schwangerschaft Paroxetin erhalten haben, weisen häufiger Missbildungen am Herz-Kreislauf-System auf.»


Das schlimmste Tief hielt drei Monate lang an

Die Behandlung von Nicole Kofler dauerte über ein Jahr. Das schlimmste Tief hatte drei Monate angehalten. Mit Folgen: Freundinnen wandten sich von ihr ab. Heute trifft sich Kofler mit anderen betroffenen Frauen: «Das Durchstehen der Krankheit hat unsere Familie zusammengeschweisst, mich und meinen Mann, mich und meine Eltern.» Eine Depression nach der Geburt kommt nicht immer überraschend. Häufig haben Betroffene schon früher unter Depressionen gelitten, sagt Maria Hofecker, Frauenärztin und Psychiaterin aus Basel. Die Krankheit habe nichts zu tun mit den Hormonveränderungen nach der Geburt. «Dieser Baby-Blues am dritten bis vierten Tag nach der Geburt ist normal», sagt Hebamme Lucia Mikeler, Präsidentin des Schweizerischen Hebammenverbandes. Falls ein Stimmungstief über zwei Wochen anhält, bestehe Handlungsbedarf. Oftmals können Frauen nicht mit ihren Partnern darüber sprechen. Sie haben Schuldgefühle, weil sie ihre Rolle als Mutter nicht perfekt ausfüllen können. Zudem können sie oftmals die Beziehung zum Kind nicht herstellen. So war es auch bei Nicole Kofler. Erst als Joy ein halbes Jahr alt war, spürte ihre Mutter, wie die Gefühle für ihr Kind langsam wuchsen und eine liebevolle Beziehung entstand. Heute sagt Kofler: «Ich habe gelernt, alles lockerer zu nehmen, nicht perfekt sein zu wollen.»


Kindbett-Depression: Symptome, Hilfe und Informationen

Das sind die Symptome

  • Erschöpfung
  • Antriebslosigkeit
  • Sich selbst und das Baby vernachlässigen
  • Sexuelle Unlust
  • Stimmungsschwankungen
  • Traurigkeit, häufiges Weinen
  • Schuldgefühle

Halten diese oder ähnliche Symptome länger als zwei Wochen an, sollten Sie zum Hausarzt.


Das können Sie für sich tun

  • Sprechen Sie mit Ihrem Partner über Ihre Gefühle
  • Sorgen Sie für genügend Schlaf
  • Gönnen Sie sich jeden Tag mindestens 30 Minuten Auszeit
  • Treiben Sie jeden Tag etwas Sport
  • Gehen Sie jeden Tag an die frische Luft
  • Engagieren Sie eine Hilfe für den Haushalt


Das kann der Arzt für Sie tun

  • Psychotherapie
  • Medikamente
  • Klinikaufenthalt


Weiterführende Infos

Merkblatt: «Depression und Stimmungstief» gratis herunterladen.

14. Februar 2009 | Regula Schneider


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