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Artikel | Gesundheits-Tipp 02/2009

Keine Brille, dafür neblige Sicht

Nachtlinsen korrigieren im Schlaf das Auge, damit man tagsüber scharf sieht. Doch sie eignen sich nur für wenige Menschen. Denn viele Träger sehen wie durch einen milchigen Schleier – und bezahlen dafür viel Geld.

Erhard Rüttimann aus Langnau am Albis ZH ist kurzsichtig. Sein Problem: Mit Brillen und normalen Kontaktlinsen kommt er nicht zurecht. Sie verschmutzen ständig bei der Arbeit. Denn als Verkehrsexperte beim Kanton muss er unter anderem unter dem Autolift die schmutzigen Wagenunterflächen kontrollieren. Rüttimann: «Ich muss ständig die Brille putzen. Und wenn ich Kontaktlinsen trage, kommt Schmutz darunter. Dann brennen und schmerzen die Augen.» Der 32-Jährige hat sich deshalb für eine neue Art von Kontaktlinsen entschieden: Linsen, die er nur nachts trägt, um tagsüber scharf zu sehen. Das Prinzip: Die harten Linsen formen die oberste Schicht der Hornhaut während des Schlafs. Am Morgen nimmt Rüttimann sie heraus. Die Hornhaut bricht das Licht nun anders und gleicht seine Sehschwäche aus – mindestens für einen Tag. Nachtlinsen können für Menschen wie Rüttimann eine gute Lösung sein. Doch sie sind für die wenigsten geeignet, sagen Fachleute. Denn viele Träger sehen mit Nachtlinsen schlechter als mit Brille oder normalen Kontaktlinsen. Ausserdem können die Nachtlinsen das Auge schädigen. Kommt dazu, dass solche Linsen teuer sind: Beim ersten Anpassen zahlt man mindestens 1650 Franken. Das Fazit von Wissenschaftler Andreas Berke von der Höheren Fachschule für Augenoptik in Köln: «Nur wer stark unter seiner Brille oder seinen Tages-Kontaktlinsen leidet, nimmt die Risiken und die schlechtere Sicht von Nachtlinsen eher in Kauf.»

In Studien der Kölner Fachhochschule gab jeder dritte bis vierte Träger die Nachtlinsen nach einem Versuch wieder auf. Meistens störte die Studienteilnehmer, dass sie zwar scharf sahen – aber wie durch einen milchigen Schleier. Der Grund: Die Hornhaut schwillt etwas an. Dadurch sehen Nachtlinsen-Träger Kontraste schlechter. Sie haben Mühe, Details zu erkennen, vor allem in dämmrigem Licht. Ein weiteres Problem: Die Linsen können sich nachts auf dem Auge verschieben. Dann sehen Betroffene am nächsten Tag schlecht. Die Linsen korrigieren Kurzsichtigkeit zudem etwas zu stark, damit Betroffene auch abends noch scharf sehen. Jüngere gleichen dies unbemerkt aus. Ältere ab etwa 40 Jahren hingegen sehen am Morgen in die Nähe schlecht.


Nachtlinsen können Risse in die Hornhaut reissen

Nachtlinsen sind fürs Auge auch riskanter als harte Tageslinsen. Dies hat Wissenschaftler Andreas Berke untersucht. Er sagt: «Die Nachtlinsen können winzige Schäden in die Hornhaut reissen.» Diese heilten normalerweise innerhalb weniger Stunden ab. Für Berke ist aber klar: «Sind die Schäden zu gross, muss man auf die Linsen verzichten.» Die Anbieter der Nachtlinsen räumen ein, dass Nachtlinsen nur für wenige Menschen in Frage kämen. Dies sei jeweils genau zu prüfen. Der Optiker Dominik Graf aus Zürich sagt aber: «Die meisten Nutzer gewöhnen sich mit der Zeit an die geringeren Kontraste.» Wenn ein Kunde jedoch sehr milchig sehe, empfehle er, auf die Linsen zu verzichten. «Das kann sonst beim Autofahren gefährlich werden.»


Nachtlinsen kann man jederzeit absetzen

Nachtlinsen-Hersteller Technolens betont, in den Kölner Studien hätten viele Versuchspersonen kein besonderes Bedürfnis gehabt, Nachtlinsen zu tragen. Wolfgang Laubenbacher von Technolens sagt, unter motivierten Kunden kämen «neun von zehn mit den Nachtlinsen zurecht». Wenn die schwächeren Kontraste sehr störten, könne man die Linsen auch tagsüber tragen: «Dann sieht man absolut klar.» Wer mit den Linsen nicht zufrieden ist, könne sie einfach wieder absetzen, sagt Andreas Berke: «Die Hornhaut formt sich innert weniger Tage zurück.» Der Haken: Betroffene müssen bei den meisten Optikern mehrere Hundert Franken fürs vergebliche Anpassen der Nachtlinsen bezahlen – und manchmal auch noch die Linsen.


Nachtlinsen: Nur für wenige Kurzsichtige eine Alternative

  • Probieren Sie Nachtlinsen nur aus, falls Sie stark unter Ihrer Brille oder Ihren Tages-Kontaktlinsen leiden. Dann sind die Linsen besser als gefährliche Laser-Operationen am Auge.
  • Nachtlinsen eignen sich nur für Kurzsichtige bis minus vier Dioptrien und bei Hornhautverkrümmung bis etwa einer Zylinderdioptrie.
  • Wählen Sie einen Optiker, der viel Erfahrung im Umgang mit Nachtlinsen hat.
  • Beim Anpassen der Linsen sehen Sie in der ersten Zeit nicht gut und müssen häufig zum Optiker.
  • Die Orthokeratologie-Linsen oder OK-Linsen kosten im ersten Jahr mindestens 1650 Franken. Fragen Sie, wie viel Sie zahlen müssen, falls Sie mit den Linsen nicht zurechtkommen.

Weitere Informationen: Gesundheitstipp-Ratgeber «Besser sehen»

14. Februar 2009 | Ines Vogel, Redaktion Gesundheitstipp


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