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Artikel | Gesundheits-Tipp 12/2008

Absturz im Spielcasino

Über die Festtage laufen die Casinos besonders gut. Viele Spieler stürzen dabei in die Sucht ab. Die Casinos lassen sie gewähren, bis es zu spät ist.

Mit 16 Jahren hatte Roger Bundeli sein erstes Erfolgserlebnis als Spieler. «In einem Spielsalon steckte ich 5 Franken in einen Automaten, und es kamen 450 Franken heraus. Ich dachte: Wenn das so einfach ist, wird es wieder funktionieren.» Doch das Glücksspiel machte Bundeli nicht reich, sondern süchtig. «Bald verspielte ich mehr, als ich mir leisten konnte», erinnert er sich.

Der erfolgreiche Aussendienstmitarbeiter erhielt problemlos Bankkredite. Als das nicht mehr reichte, finanzierte er das Spielen mit illegalen Methoden: Er verkaufte geleaste Autos. Bei Verwandten ertrog er Geld mit erfundenen Geschichten. Am SBB-Schalter bestellte er Billette für einen fiktiven Vereinsausflug. Dann gab er die Billette an einem anderen Bahnhof zurück und kassierte den rückerstatteten Preis.

Das Glücksspiel machte Bundeli keinen Spass: «Ich war immer nervös und reizbar. Wenn ich viel Geld gewann, empfand ich keine Freude. Hauptsache, das Spiel ging weiter.» In 20 Jahren verspielte er rund 860 000 Franken in Spielsalons und Casinos. Der Ausstieg aus der Spielsucht gelang ihm erst, nachdem seine Betrügereien aufgeflogen waren. Bundeli musste ein Jahr ins Gefängnis.

Seit vier Jahren hat Roger Bundeli kein Casino mehr betreten. Doch er weiss: «Die Spielsucht ist wie ein brodelnder Vulkan. Ich mache alles, damit er nicht mehr ausbricht.» In einer Selbsthilfgegruppe setzt er sich mit der Sucht auseinander. Und er drängt den Spieltrieb  zurück: «Ich arbeite viel und verbringe viel Zeit mit meinen Kindern und meiner Partnerin.»

Roger Bundeli ist kein Einzelfall: Wissenschaftler schätzen, dass in der Schweiz 35 000 bis 48 000 Spielsüchtige leben. 90 Prozent der Spielsüchtigen sind bei Angehörigen, Kollegen und Banken verschuldet. Eine Studie der Berner Fachhochschule zeigt, dass sich Spielsüchtige Hunderte von Millionen Franken auf betrügerische Weise beschaffen. Gleichzeitig machen die Schweizer Casinos glänzende Geschäfte: Zwischen 2003 und 2007 verdoppelte sich ihr Bruttospielertrag auf über eine Milliarde Franken.

Den stärksten Zustrom verzeichnen die Casinos jeweils Ende Jahr. Mit grossen Werbekampagnen versuchen sie, neue Gäste anzulocken. So schaltete das Grand Casino in Baden AG in den letzten Wochen ganzseitige Zeitungsinserate. Mit dem Slogan «Baden im Glück» und nackter Haut will das Casino zeigen, dass man im Casino Spass und Spannung erlebt.

Die Realität sieht oft anders aus. Der Zürcher Psychiater Mario Gmür ist überzeugt: «Casinos erzeugen Spielsüchtige.» Die grösste Suchtgefahr sind Geldspielautomaten. Stephan Bonassi von der Beratungsstelle «Berner Gesundheit» sagt: «Das Spiel an Automaten ist für Süchtige besonders attraktiv, weil sie schnell sehen, ob sie einen Gewinn erzielt haben. Bei Spielen wie Roulette und Black Jack muss man länger auf den Gewinn warten.»

Zwar schreibt das Spielbankengesetz vor, dass die Casinos Spielsüchtige aussperren müssen. In Sozialkonzepten dokumentieren die Betriebe, was sie gegen die Spielsucht unternehmen. So versprechen die «Swiss Casinos» in ihrem Sozialkonzept, ihre Mitarbeiter würden «bei Bedarf das Gespräch mit Gästen mit auffälligem Spielverhalten suchen». Marc Friedrich, Geschäftsführer des Schweizer Casinoverbands, sagt: «Die Mitarbeiter werden geschult, um das problematische Spielverhalten von Gästen frühzeitig zu erkennen. Die Casinos verlangen von den betroffenen Spielern, dass sie ihre finanziellen Verhältnisse offenlegen. Wer dazu nicht bereit ist, wird gesperrt.»

Der Zürcher Psychiater Mario Gmür kritisiert: «Die Sozialkonzepte sind ein Bluff. Die Casinos setzen sie nicht ernsthaft in die Tat um.» Gmür ist überzeugt, dass Spielbanken gar nicht auf spielsüchtige Gäste verzichten wollen. Aufgrund statistischer Daten schätzt er: «Rund 80 Prozent der Einnahmen stammen von Spielsüchtigen. Ohne sie müssten die Casinos schliessen.»

Gmür fordert, dass die Casino-Mitarbeiter gefährdete Spieler vermehrt aktiv ansprechen. «Zudem müssten die Casinos von allen Spielern den Nachweis verlangen, dass sie sich das regelmässige Glücksspiel leisten können. Und sie müssten alle Spieler am Eingang registrieren und ihre Verluste aufzeichnen.»

Christa Bot von der Suchtberatungsstelle Perspektive Mittelthurgau stimmt ihm zu: «Statt bei jedem grösseren Gewinn die Gäste wie Helden zu feiern, sollten die Casinos die Spieler über das Suchtpotenzial der Glücksspiele informieren.» Bot fordert auch: «Die Casinos müssten mehr Spieler sperren.» Heute sind rund 25 000 Spieler gesperrt. Doch die meisten haben die Sperre freiwillig beantragt.

Roger Bundeli sagt, er sei nie von einem Casino-Mitarbeiter auf seine Spielsucht angesprochen worden. «Wenn ich 5000 Franken gewann, spendierte mir das Casino einen Drink. Hätte jemand gesagt: Nehmen Sie die 5000 Franken und gehen Sie heim, hätte ich mich über den Tipp gefreut und wäre gegangen.»

Zur Kritik der Fachleute sagt Casinoverband-Geschäftsführer Friedrich: «Die Casinos wenden jährlich Millionen auf, um Personen mit Spielproblemen zu erkennen und zu sperren.» Es sei denkbar, dass spielsüchtige Gäste in Einzelfällen nicht erkannt würden. «Daraus kann man aber nicht schliessen, dass die Sozialkonzepte nicht funktionieren.» Die Casinos seien nicht an spielsüchtigen Gästen interessiert: «Diese schädigen das Image der Betriebe.» Es gebe keine Untersuchung, die beweise, dass 80 Prozent der Gäste spielsüchtig sind: «Ein problematisches Spielverhalten kann auch bei Lotterien, Online-Glücksspielen und illegalen Glücksspielen auftreten.» Friedrich: «Die Casinos haben ein funktionierendes Abwehrsystem.»

Doch der langjährige Spieler Jürg Brändli (Name geändert) sagt, das Casino-Personal habe ihn trotz offensichtlicher Alarmzeichen nicht auf seine Spielsucht angesprochen. Er sei nur gemassregelt worden: «Als ich viel Geld verlor, schlug ich aus Frust mit der Faust auf den Automaten. Das Personal sagte mir nur, ich solle das lassen.»

In fünf Jahren verspielte Brändli mehrere Hunderttausend Franken in Casinos. Auch bei der schönsten Glückssträhne war der Gewinn bald wieder weg: «Wenn ich am Nachmittag 30 000 Franken gewann, hatte ich am Abend nichts mehr.» Die Gewinne investierte er umgehend wieder ins Spiel: «Ich dachte, vielleicht gewinne ich noch mehr, ging ein höheres Risiko ein.» Wegen der Spielsucht hat er alles verloren – sein Haus, seinen Job, seine Familie, seine Freunde. Nach einem Selbstmordversuch verbrachte er einige Wochen in einer psychiatrischen Klinik. Seit drei Jahren spielt er nicht mehr. Die Folgen seiner Sucht trägt er bis heute: Um die Schulden abzuzahlen, lebt er am Existenzminimum.

Für den Psychiater Gmür gibt es nur eine Möglichkeit, der Spielsucht wirksam vorzubeugen: die Spielbanken zu schliessen. Gmür: «Höchstens ein Casino sollte geöffnet bleiben – für Gelegenheitsspieler und nicht süchtige Touristen.»


So schützen Sie sich vor Spielsucht

  • Machen Sie sich klar, wie oft Sie ins Casino gehen. Führen Sie Buch über Ihre Ausgaben.
  • Entscheiden Sie vor jedem Casinobesuch, bei welchem Maximalverlust oder -gewinn Sie aufhören wollen. Gehen Sie nach Hause, wenn Sie die Limite überschreiten.
  • Besuchen Sie das Casino nicht alleine, sondern zusammen mit Freunden. So können Sie das Spielverhalten gegenseitig kontrollieren.
  • Beantragen Sie beim Casino eine Spielsperre, wenn Sie merken, dass Sie Ihr Spielverhalten nicht im Griff haben.
  • Lassen Sie Ihre Kreditkarte sperren, wenn Sie süchtig nach Internet-Spielen sind.
  • Melden Sie sich bei einer Suchtberatungsstelle oder bei einer Schuldenberatungsstelle an.


Weitere Infos

  • Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen finden Sie auf www.careplay.ch (unter «Beratung»).

 

02. Dezember 2008 | Andreas Gossweiler


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