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Artikel | saldo 19/2008

Magenband und Magen-Bypass: Patienten bezahlen einen hohen Preis fürs Abspecken

Mit dem Verkleinern des Magens können Schwergewichte schnell und viel abnehmen. Doch die Nebenwirkungen sind ernsthaft, der Langzeiterfolg nicht erwiesen.


Sandro A. war viel zu schwer: Bei einer Grösse von 186 Zentimetern wog der 30-Jährige 160 Kilogramm. Die Diagnose lautete: krankhafte Adipositas. Und das hat schwere gesundheitliche Folgen. Ihm drohten Herz-Kreislauf-Krankheiten, Diabetes und Gelenkschäden.

Vor fünf Jahren entschied sich der Winterthurer, sich unters Messer zu legen. Chirurgen der Zürcher Hirslanden-Klinik setzten ihm einen Magen-Bypass ein. Dabei trennten sie einen kleinen Teil des Magens in der Grösse eines Schnapsglases vom restlichen ab und verbanden ihn mit dem Dünndarm. Dadurch sollte Sandro A. viel schneller satt werden.

Zuerst kam der Erfolg: In 14 Monaten nahm er 80 Kilogramm ab und erreichte das Normalgewicht. Doch nach etwa zwei Jahren begann er wieder zuzunehmen. Auch das Umstellen der Ernährung und Sport nützten nichts. Zudem fühlte sich Sandro A. nicht mehr so rasch satt wie nach der Operation. Die Nahrung passierte den Magen wieder schneller. Grund: Der künstliche Magenausgang hatte sich ausgedehnt. Sandro A.: «Mein Magen war wie ein Fallrohr.» Ärzte versuchten von aussen, mit Spritzen den Magenausgang wieder zu verkleinern. Doch das schlug fehl.

Im letzten April musste Sandro A. wieder unters Messer. Man setzte ihm zwischen Speiseröhre und Mageneingang ein Band ein. Es sollte den Zufluss für die Nahrung verkleinern. Seither kann Sandro A. sein Gewicht stabil halten: Er wiegt jetzt 90 Kilogramm.


Jeder dritte Patient muss weitere Eingriffe über sich ergehen lassen 

Doch kein Fachmann kann ihm sagen, ob das die letzte Operation war. Denn Operationen zum Verkleinern des Magens sind auch nach über zehn Jahren Erfahrung weit entfernt von Routine. Aussagekräftige Studien gibt es wenige. Experten sprechen gar von einer experimentellen Phase. Das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information kommt zum Schluss, dass die Daten nicht einmal ausreichen, um «ein einzelnes Operationsverfahren zu bevorzugen». Patient Sandro A. sagt: «Jeder ist ein Versuchskaninchen.»

Bei jedem dritten Patienten muss der Bypass später durch ein Magenband gestützt werden. Fachleute nennen das «nachbessern». Jean-Marc Heinicke, Leiter Adipositas-Chirurgie am Inselspital Bern, spricht von einem «bekannten Phänomen». Das habe auch mit dem veränderten Stoffwechsel zu tun. Dieser sei oftmals begleitet von einem erneuten gestörten Essverhalten und sinkender Motivation für Bewegung und Sport.

Auch die medizinische Sekretärin Barbara Schleutermann musste nach der Bypass-Operation zwei «Nachbesserungen» über sich ergehen lassen. Bei ihr hatte das dramatische Folgen: Sie hat immer wieder Unterzuckerungen. Zweimal wurde sie ohnmächtig. «Glücklicherweise passierte das nie beim Autofahren.» Auch bei Schleutermann floss der Nahrungsbrei zu schnell durch den Magen.

Der Magen-Bypass ist nicht harmlos. Ein Zürcher Adipositas-Spezialist schätzt, dass je nach Spital bis zu einem von hundert Patienten an der Operation stirbt. Viele leiden an Übelkeit, vor allem wenn sie Süsses essen. Zudem müssen sie ihr Leben lang gegen einen Mangel an Vitaminen und Spurenelementen ankämpfen.

Dennoch setzen Chirurgen seit einigen Jahren vermehrt den Magen-Bypass ein – weil die andere verbreitete Methode noch schlechter abschneidet: das Magenband. Vor wenigen Jahren bejubelten Chirurgen das Magenband als neue Wunderwaffe gegen starkes Übergewicht. Bei dieser Methode legen Chirurgen einen verstellbaren Ring um den Magen. Patienten können nur noch kleine Mengen essen.

Auch hier gibt es immer wieder Todesfälle bei der Operation. Viele Patienten müssen gegen ständige Übelkeit kämpfen oder gar erbrechen. Das Band kann in die Magenwand hineinwachsen. Oder noch schlimmer: Es verrutscht und verschliesst den Magen. Zudem gibt es schwere Störungen an der Speiseröhre. Bernd Schultes vom Adipositas-Zentrum am Kantonsspital St.Gallen: «Nach sechs Jahren müssen wir bei jedem zweiten Patienten das Magenband wieder herausoperieren.»


Alternative Operationsmethoden sind noch zu wenig ausgereift

Viele Kliniken haben sich mittlerweile vom Magenband verabschiedet. Für Schultes ist das Band auf dem «absteigenden Ast». Chirurg Heinicke: «Das Magenband wenden wir seit über vier Jahren nicht mehr an.»

Chirurgen testen deshalb neue Operationsmethoden wie den Schlauchmagen oder das radikale Kürzen des Dünndarms. Sie setzen sie allerdings noch selten ein, genauso wie den Magenschrittmacher. Doch bereits heute weiss man: Diese Methoden verändern den Stoffwechsel und den Hormonhaushalt der Patienten.

Das Dilemma: Bei schwerem Übergewicht ist die Operation oftmals die einzige Möglichkeit, deutlich an Gewicht zu verlieren. Und die Sterblichkeit geht laut einer Studie des «New England Journal of Medicine» zurück. Operationspatienten haben zudem meist erfolglos und über Jahre hinweg versucht, mit Diäten und Bewegungszwang ihr Gewicht zu verringern.

Ab einem BMI von 35 und höher – das entspricht zum Beispiel mindestens 101 Kilogramm bei einer Körpergrösse von 1 Meter 70 – schafft es nur noch einer von hundert, auf konventionelle Weise sein Gewicht langfristig um mehr als 10 Prozent zu reduzieren. Das haben Studien ergeben. Jean-Marc Heinicke: «Bei Patienten mit krankhafter Adipositas ist die Wahrscheinlichkeit sehr klein, ohne Operation massiv Gewicht abnehmen zu können.» Allerdings müssen auch schwergewichtige Patienten Kriterien erfüllen, damit die Grundversicherung die Kosten übernimmt (siehe unten).

Deshalb sind konventionelle Methoden wie das Reduzieren der Kalorien durch Umstellen der Ernährung erfolgreicher bei leichter Adipositas oder beim Abspecken der Festtagskilos (siehe Tabelle im pdf-Artikel). Das gilt auch für die Verhaltenstherapie, die Schwächen im Essverhalten aufdeckt. Medikamente wie die Antifettpille Xenical und der Appetitzügler Reductil können Schwergewichtigen helfen. Doch ihr Nutzen ist beschränkt, weil man mit ihnen nur wenig abnimmt. Zudem haben die Pillen Nebenwirkungen und sind teuer.


Diätprogramme können beim Ändern des Essverhaltens helfen

Auch bestimmte Diäten können gegen Übergewicht helfen, aber nur, wenn man dabei das Essverhalten ändert. Den besten Erfolg versprechen Abspeckprogramme, die von Ärzten oder Ernährungsfachleuten begleitet werden. Dazu gehören Weight Watchers oder das Internet-Programm Ebalance. Bei starkem Übergewicht können sogenannte Formuladiäten effektiv sein, wie etwa Figure Control oder Slimfast-Shakes. Sie liefern dem Körper die nötigen Nährstoffe, reduzieren aber die Kalorienaufnahme. Allerdings sollten auch sie nur Bestandteil einer ärztlichen Therapie sein. Krankenkassen zahlen sie nicht. Einen praktischen BMI-Rechner gibt es unter: www.bodymass.ch


Adipositas: In diesen Fällen bezahlen Kassen eine Operation

Magenband und -Bypass sind nur für wenige Übergewichtige geeignet. Das sieht auch das Bundesamt für Gesundheit so, das Kassen vorschreibt, was sie zahlen müssen. Die Grundversicherung zahlt nur in folgenden Fällen eine Operation:

  • Der Chirurg muss Rücksprache mit dem behandelnden Arzt nehmen
  • Patienten haben einen BMI von mehr als 40 (siehe Tabelle im pdf-Artikel)
  • Sie dürfen höchstens 60 Jahre alt sein
  • Patienten müssen bereit sein, die Essgewohnheiten grundlegend zu ändern
  • Andere vom Arzt verschriebene Therapien waren mindestens zwei Jahre erfolglos
  • Der Patient ist wegen des Übergewichtes krank: Diabetes 2, Veränderungen des Bewegungsapparates, Herz-Kreislauf-Krankheiten, Schlaf-Apnoe-Syndrom u. a.
  • Die Operation findet an einem medizinischen Zentrum statt, das auch andere Therapien wie Psychotherapie und Ernährungsberatung anbietet

 

17. November 2008 | Andreas Grote


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