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Artikel | Haus & Garten 03/2007

Kleine ganz stark

Seit den Siebzigerjahren haben Bonsais auch bei uns Liebhaber gefunden. Wer sich dieser fernöstlichen Pflanzenkultur zuwendet, übt sich in Geduld und Ausdauer.

Er ist der Winzling unter den Bäumen. Doch als ausgewachsener, oft Jahrzehnte alter Kleiner steht er seinen grossen Brüdern weder in Gestalt noch Ausdruck nach: der Bonsai. Das Wort stammt aus dem Japanischen und bedeutet so viel wie «Baum in Schale». Populär sind die Bäumchen für den Fenstersims. Seit einiger Zeit jedoch werden auch die grösseren Outdoor-Varianten für Garten und Terrasse immer beliebter.
«Bonsai ist ein Langzeitprojekt», gibt Werner Triet Neulingen zu bedenken. Er führt mit Franz Müller das Bonsaiwerk Zürich, das Gewächse sowohl an Fachgeschäfte als auch an Private verkauft. Pflege und Gestaltung verlangen Ausdauer, Geduld, Hingabe, Sorgfalt – neben einem guten Auge und ausgeprägtem Gespür für Harmonie und Formen. Wer schnelle Resultate sucht, lässt die Finger von den Kleinen.
Einmal pro Jahr reisen die beiden nach Asien, suchen nach den schönsten Stücken und bringen Bonsais und Prä-Bonsais heim: So nennt man die Bäume, bevor die Gestaltung beginnt – was häufig Jahre dauert.
Konzentriert sich ein Neueinsteiger besser auf ein Indoor- oder ein winterhartes Outdoor-Gewächs? «Bonsais für Innenräume sind oft problematisch. Was da angeboten wird, stammt aus klimatischen Bedingungen, die den hiesigen nicht entsprechen», sagt Triet.

Bonsais sind gestaltete, nicht gezüchtete Bäume

Spätestens im Winter begännen viele Bäume zu serbeln: Sie brauchen viel Licht, hohe Luftfeuchtigkeit und hohe Temperaturen. «Unsere geheizten Häuser regen zwar das Wachstum an, doch fehlen Licht und Feuchtigkeit.» Triets Fazit: «Viele Indoor-Bonsais landen im Container.»
Wer sich ernsthaft mit dieser Kultur beschäftigen möchte, dem rät Triet, der Vereinigung Schweizer Bonsai-Freunde beizutreten. «Man kann sich zwar mit Büchern und im Netz kundig machen. Doch besser lernt man das Handwerk in Kursen.»
Als Outdoor-Bonsais eignen sich robuste Hainbuchen, Ficus, Quitten und Ahorn, aber auch Nadelbäume wie Lärchen und Kiefern. Triet betont, dass ein Bonsai kein gezüchteter, sondern ein gestalteter Baum ist. Würde man ihn ins Freiland pflanzen, würde er wieder seine normale Grösse erreichen.
Laubbäumen verleiht man die gewünschte Gestalt durch Schnitttechniken, Nadelbäume formt man mit Draht. Will man etwa einem Ast einen gewissen Schwung verleihen, umwindet man ihn sorgfältig mit Draht und bringt ihn in die gewünschte Position. Die Drahtstärke muss der Stamm-, Ast- oder Zweigdicke entsprechen.

Preise zwischen 30 und einigen tausend Franken

«Nadelgehölze, vor allem altes Holz, sind schwieriger zu gestalten, obwohl man auch armdicke Äste noch beugen kann», erklärt der Fachmann. Leicht geht vergessen, dass ein kaum einen halben Meter hoher Bonsai mehrere Jahrzehnte alt sein kann. Die Preise sind denn auch entsprechend: ab rund 30 bis zu einigen tausend Franken für besondere Exemplare.
Für die Pflege bietet der Fachhandel ein ganzes Set von Spezialwerkzeugen. Für den Anfang reichen zwei Scheren, eine Wurzelschere, eine Konkavzange (einwärts gewölbt) und eine Drahtzange. Kosten: rund 90 Franken.
Auch Umtopfen und Wurzelpflege gehören zum Projekt Bonsai. Im Gefäss ist eine gute Drainage wichtig, denn die Winzlinge brauchen viel Wasser. Die flachen Schalen haben jedoch kaum Speicherkapazität, und Staunässe muss man vermeiden: So bedeckt man die Löcher im Schalenboden mit einem Gitter und füllt die Schale vorzugsweise mit Akadame (Spezial-Bonsai-Erde) und Granulat.
Das Granulat wird in Japan aus einer bestimmten Lehmsorte hergestellt. Triet und Müller mischen Erde und Granulat im Verhältnis 70 : 30 für Blattbäume und im Verhältnis 50 : 50 für Nadelbäume. «Zudem haben wir mit organischen Düngerkugeln aus Asien sehr gute Erfahrungen gemacht», so der Bonsai-Liebhaber. Die Kugeln legt man auf die Erdoberfläche, das tägliche Giesswasser löst die Nahrung. Weniger zu empfehlen seien Flüssigdünger, «weil die Konzentration leicht das Wurzelwerk verbrennen kann».
Umgetopft wird seltener als von Laien angenommen: Laubbäume einmal im Zeitraum von 1 bis 5 Jahren, Nadelbäume etwa alle 4 bis 7 Jahre. Wurzelteile werden, wo nötig, zurückgeschnitten, abgestorbene vorsichtig entfernt. Indes: Je älter der Bonsai, desto seltener wird er umgetopft.


Weitere Infos:
Vereinigung Schweizer Bonsai-Freunde
www.bonsai-vsb.ch
info@bonsai-vsb.ch
Tel. 056 634 36 48


Bonsai-Regeln

  • In den unteren zwei Dritteln des Baumes darf kein Ast auf den Betrachter weisen – das wirkt bedrohlich. Der Stamm muss sichtbar sein. Die Krone hingegen neigt sich leicht zum Betrachter hin.
  • Ein gleichmässig verteilter Wurzelansatz ist sichtbar.
  • Bei Nadelbäumen dürfen die Äste nie nach oben weisen, die Krone ist abgeflacht.
  • Bei Gehölzen ist eine raue Rinde erstrebenswert – je älter, desto rauer und damit schöner.
  • Bonsais sollen möglichst alt aussehen. Dennoch sind Ausdruck und Ausstrahlung wichtiger als das wahre Alter.
  • Die Schale muss in einem ausgewogenen Verhältnis zu Grösse und Umfang des Bonsai stehen.
  • Laubbäume werden in glasierte Schalen gepflanzt, Nadelhölzer in unglasierte.

04. September 2007 | REGINE ELSENER


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