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Artikel | Gesundheits-Tipp 5/2007

“Ich sollte schon lange tot sein” - Robert Steffen, ehemaliger Rechtsanwalt

Im Februar feierte der ehemalige Anwalt Robert Steffen seinen hundertsten Geburtstag - obwohl er sich nie besonders bemühte, gesund zu leben.

Robert Steffen, hätten Sie je gedacht, dass Sie so alt werden?
Nein. Eigentlich ist es paradox, dass ich 100 Jahre alt wurde, denn ich habe mir nie viel Gedanken um meine Gesundheit gemacht.
Haben Sie ungesund gelebt?
Zeitweise schon. Ich lebte ziemlich freizügig. In meiner Studentenzeit habe ich viel gebechert. Ich habe auch nicht viel Sport getrieben. Ich war eher eine Leseratte.
Sie wissen also nicht, warum Sie so alt wurden?
Nein. Ich bin ein Gegenbeispiel für das, was Sie predigen (lacht). Sie würden wohl lieber ein Interview machen mit einem Hundertjährigen, der immer viel Sport getrieben hat und weder trinkt noch raucht ...
Die Ärzte sagen, die Lebenserwartung sinke, wenn man raucht und viel Stress hat. Sind Sie Raucher?
Ja, ich habe immer geraucht. Früher rauchte ich Pfeife. Vor zehn Jahren bin ich auf Zigaretten umgestiegen. Aber ich inhaliere den Rauch nicht.
Was sagt Ihr Arzt dazu?
Vor Jahren fragte ich meinen Hausarzt, wie hoch er meine Lebenserwartung einschätze. Nach seiner Prognose wäre ich schon lange tot. Mein Arzt hat mir das Rauchen aber nie verboten. Er hat mir nur empfohlen, den Zigarettenkonsum zu reduzieren.
Freuen Sie sich darüber, dass Sie 100 wurden?
Nein. Früher habe ich das Leben mehr genossen. Am meisten stört mich, dass ich mich nicht mehr frei bewegen kann. Seit ich einen Schenkelhalsbruch erlitt, brauche ich zum Gehen ein Wägeli, auf das ich mich stützen kann. Es wäre für mich eine Gottesgabe, wenn ich wieder ohne Hilfsmittel gehen könnte. Aber in meinem Alter heilt ein Knochenbruch nicht mehr so schnell.
Wie ist das passiert?
Ich bin nachts aufgestanden und stürzte im Flur. Ich lag eine Zeitlang auf dem Boden. Nach diesem Unfall haben die Pflegerinnen am Bett ein Gitter montiert. Aber das wollte ich nicht. Es kam mir vor, wie wenn ich eingesperrt wäre. Jetzt montiert das Personal das Gitter nicht mehr.
Goethe sagte: «Keine Kunst ists, alt zu werden; es ist Kunst, es zu ertragen.» Stimmt das?
Ja, das ist so. Goethe wurde 83 Jahre alt. Deshalb dachte ich immer, 83 sei ein ideales Alter. Als ich selber so alt wurde, nahm ich Tizian als Vorbild. Er wurde 99. Inzwischen habe ich auch den überholt (lacht).
Lesen Sie immer noch gerne?
Ich kann heute weniger gut lesen als früher. Aber ich bin nie zu Hörbüchern übergegangen. Das ist eine neue Technik, die ich nicht kenne.
Haben Sie einen guten Appetit?
Ja. Das Essen im Burgerheim ist vorzüglich. Ich komme mir hier manchmal vor wie in einem Viersternhotel. Die Desserts sind hervorragend. Ich liebe Süsses, obwohl ich seit 20 Jahren Altersdiabetes habe.
Möchten Sie gerne noch viel älter werden?
Nein, gar nicht. Die Vorstellung, dass schwere Altersgebrechen kommen könnten, macht mir Sorgen.
Aber heute geht es Ihnen besser als anderen Hundertjährigen.
Ja, für mein Alter geht es mir relativ gut. Manchmal habe ich Mühe mit dem Einschlafen, dann erhalte ich ein Schlafmittel.

Robert Steffen
Am 24. Februar feierte Robert Steffen seinen 100. Geburtstag mit Freunden, Kindern, Enkeln und Urenkeln. Seine Frau starb vor 17 Jahren. Seit sechs Jahren lebt er im Burgerheim Thun, einem Altersheim in Steffisburg BE. Robert Steffen arbeitete als Jurist, zuerst als Angestellter, dann als Inhaber eines eigenen Advokaturbüros.

16. Mai 2007 | Andreas Gossweiler


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