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Artikel | saldo 8/2007

Zahnfleischbluten verursacht Krankheiten

Zahnpflege lohnt sich. Denn eine Zahnfleischentzündung kann Grund für Herzinfarkt, Frühgeburt oder Diabetes sein.

Wer beim Zähneputzen häufig Zahnfleischbluten hat, sollte das nicht auf die leichte Schulter nehmen: Es ist ein Alarmzeichen für eine Zahnfleischentzündung, eine sogenannte Parodontitis. Das ist nicht nur schmerzhaft, sondern kann auch andere gravierende Krankheiten begünstigen.

Die Entzündung des Zahnfleischs wird von Bakterien ausgelöst, die sich bei ungenügender Zahnpflege schnell vermehren. Sie verbinden sich zu einem zähen Film (Plaque), der sich auf der Zahnoberfläche und dem Zahnfleisch festsetzt. Gemäss Schätzungen leiden rund 30 Prozent der Schweizer unter entzündetem Zahnfleisch.

Bei fortgeschrittener Parodontitis bilden sich zwischen dem Zahnfleisch und den Zahnhälsen eigentliche Taschen - Zwischenräume, die man mit der normalen Zahnbürste nicht mehr erreicht und die den Bakterien beste Vermehrungsgrundlagen bieten. Die Entzündung kann auf den ganzen Zahn und schliesslich auf den Kieferknochen übergreifen - es kommt zum Zahnausfall.


«Parodontitis ist wie eine offene Wunde»

Das ist aber nicht alles. Vor allem Menschen mit Herzbeschwerden, Diabetes und Kreislaufbeschwerden, aber auch Schwangere sollten bei entzündetem Zahnfleisch dringend den Zahnarzt aufsuchen. Der Grund: «Parodontitis ist wie eine offene Wunde», sagt Ulrich P. Saxer, Leiter der Prophylaxe-Klinik Zürich, «und dieser Wunde stehen Millionen von Bakterien im Mundraum gegenüber, die in den Blutkreislauf gelangen und so Einfluss auf alle Organe nehmen können.»

Als wissenschaftlich gesichert gilt die Tatsache, dass eine über mehrere Jahre unbehandelte Parodontitis die Gefässwände der Arterien so schädigen kann, dass diese verkalken oder sich verengen. Das ist die Vorstufe zum Herz- oder Hirninfarkt. Eine Untersuchung der Kristianstad Universität in Schweden kommt zum Schluss, dass 7 von 10 Parodontitis-Patienten mit 60 Jahren einen Herzinfarkt haben. Bei der untersuchten Gruppe handelte es sich im Übrigen um Nichtraucher, die im Schnitt weniger unter Zahnfleischentzündungen leiden.

Studien zeigen zudem, dass Zahnfleischentzündungen verantwortlich sein können für untergewichtige Frühgeburten. Die Bakterien beziehungsweise ihre Abfallprodukte gelangen aus dem Mundraum der Mutter ins Fruchtwasser und von dort über Nase und Mund in die Lunge des Fötus, wo sie eine Lungenentzündung und damit eine Frühgeburt auslösen.


Zusammenhang von Parodontitis und Frühgeburt erwiesen

Eine Studie der University of Chile in Santiago, bei der 36 schwangere Frauen untersucht wurden, bestätigt diesen Zusammenhang: Sechs der Schwangeren hatten eine Parodontitis mit mindestens fünf Taschen, die grösser als 5 Millimeter waren. Fünf von ihnen hatten im Nachhinein eine untergewichtige Frühgeburt. Die Frauen ohne Zahnfleischentzündungen gebaren normal.

Als gesichert gilt auch, dass ein Zusammenhang zwischen Parodontitis und Diabetes besteht. Zudem können Zahnfleischentzündungen auch zu einem höheren Cholesterinspiegel und zu Bluthochdruck führen. Durch die Behandlung der Zahnfleischentzündung kann man hier Verbesserungen erzielen.

Ein Problem für die Mediziner ist die Tatsache, dass die Widerstandskraft der Bakterien, die die Plaque bilden, generell zunimmt. Antibiotika wirken immer seltener. Zudem tritt die Infektion immer wieder auf: Wurden die Taschen vom Zahnarzt ausgeschabt, sind diese in der Regel nach drei Monaten wieder von Bakterien besiedelt.

Hier geht die Zahnmedizin in der Zwischenzeit neue Wege. Ulrich P. Saxer: «Die Taschen werden heute in einer Sitzung zusammen mit der ganzen Mundhöhle desinfiziert und, wenn es mehr als fünf sind, allenfalls sogar chirurgisch entfernt. Es macht keinen Sinn, bei einem Menschen mit einer chronischen Erkrankung wie Diabetes die alten Taschen immer wieder erneut zu behandeln.» Bei der chirurgischen Entfernung wird alles Gewebe über dem Knochen weggeschnitten. So kann sich neues Zahnfleisch bilden.



Parodontitis-Behandlung ist teuer

Wer unter Zahnfleischbluten leidet, sollte dringend eine Dentalhygienikerin aufsuchen. Eine Behandlungsstunde kostet dort zwischen 130 und 150 Franken. Eine Dentalhygienikerin kann leichtere Fälle von Parodontitis behandeln. Meistens ist dazu aber mehr als eine Sitzung nötig.

Die Ausgaben für den regelmässigen Besuch bei einer Dentalhygienikerin sind gut angelegt. Muss nämlich die Parodontitis von einem Zahnarzt behandelt werden, kostet das in der Regel zwischen 1600 und 3000 Franken. Schwere Fälle, die immer wieder behandelt werden müssen, können schnell ein Vielfaches kosten.

Die Krankenversicherer zahlen die Behandlung in der Grundversicherung nur bei schwerer Parodontitis bei Kindern und Jugendlichen. Alle anderen Parodontalbehandlungen werden von der Krankenkasse nur im Rahmen von Zusatzversicherungen übernommen.



Das kann man selbst tun

- Reinigen Sie die Zungenoberfläche regelmässig. Denn sie ist ein Tummelplatz verschiedenster Bakterien. Die dazu nötigen Zungenschaber sind in jeder Drogerie erhältlich.
- Verzichten Sie aufs Rauchen. Denn bei Rauchern ist es schwieriger, eine Parodontitis zu behandeln: Rückfälle und Komplikationen treten häufiger auf.
- Lassen Sie sich von der Dentalhygienikerin zeigen, wie man mit Bürstchen, Zahnseide und eventuell einer Mundspülung die Zähne richtig sauber hält.
- Eine gute Wirkung haben die im Handel erhältlichen Schallzahnbürsten (Kosten: rund 250 Franken). Mit ihnen ist das Reinigen und Ausspülen der Zahnfleischtaschen bis 2 oder 3 Millimeter unter das Zahnfleisch möglich.
- Oft wird vergessen, dass Parodontitis eine übertragbare Krankheit ist, sich der Partner also auch behandeln lassen sollte.

02. Mai 2007 | Angelica Schorre


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