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Artikel | saldo 4/2007

Unruhige Kinder: Kügelchen statt Ritalin

Homöopathische Mittel können Kindern helfen, die unter einer Aufmerksamkeitsstörung leiden. Trotzdem sind die klassischen Medikamente weiter auf dem Vormarsch.

Homöopathie wirkt bei Kindern mit dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS): Ein Ärzteteam der Universitätskinderklinik des Berner Inselspitals hat dafür in einer umfassenden und fünf Jahre dauernden Studie erstmals einen wissenschaftlichen Beweis erbracht. «Die Arbeit ist auf grosses Interesse gestossen, in der konventionellen Medizin zum Teil auch auf Staunen, weil es bisher keine so strenge Studie zur Homöopathie mit so deutlichen Resultaten gab», sagt Studienleiter Heiner Frei.


Nach einem Jahr bei 83 Prozent der Patienten Erfolg

Seit der Publikation der Studie habe das Interesse der Eltern an dieser Behandlungsmethode denn auch stark zugenommen. Heiner Frei schränkt aber ein: «Voraussetzung für eine erfolgreiche homöopathische Behandlung ist, dass man Zeit hat und nicht sofort alles besser werden muss.» Im Durchschnitt brauche es ein halbes Jahr, bis sich eine positive Wirkung einstelle. Frei: «Steht diese Zeit nicht zur Verfügung, zum Beispiel in Notfällen, muss man gar nicht erst beginnen.» Nach einem Jahr Behandlungsdauer stellt der Homöopath dann aber bereits bei 83 Prozent der Patienten eine deutliche Besserung fest.


Ritalin und Concerta: Massive Zunahme bei der Verschreibung

In den meisten Fällen nehmen sich Ärzte und Betroffene diese Zeit aber offensichtlich nicht und setzen sofort auf die klassische medikamentöse Behandlung - Tendenz massiv steigend. Das zeigen auch die aktuellsten Zahlen: Im Jahr 2005 bezahlten die Krankenkassen gemäss dem Krankenkassenverband Santésuisse 5 Millionen Franken für die Behandlung mit Ritalin und Concerta, den beiden wichtigsten ADS-Medikamenten - das ist dreimal mehr als im Jahr 2000. Auch mengenmässig fällt die Zunahme gewaltig aus. Gemäss dem Heilmittelinstitut Swissmedic wurden im Jahr 2005 140 Kilogramm Methylphenidate verkauft, der Wirkstoff, aus dem Ritalin und Concerta hergestellt werden. Im Jahr 2000 waren es erst 60 Kilogramm.

Heiner Frei geben diese Zahlen zu denken: «Die Entwicklung folgt dem, was uns in den USA seit langem vorgelebt wird.» In den USA wird Ritalin bei Kindern seit Jahren massenhaft und schnell verschrieben. Frei plädiert dafür, Ritalin und Concerta nur in Notfällen zu verwenden. «Dringend ist auch, dass die Schulen lernen, mit dem Problem umzugehen, und dass nicht bei jedem unbequemen Kind gleich Ritalin gefordert wird.»


Auf die richtige Dosierung kommt es an

Anders sieht es der Kinderarzt und ADS-Spezialist Meinrad Ryffel: Ritalin und Concerta würden heute nicht «zu schnell» verordnet. «Bei Betroffenen und Fachleuten spricht sich langsam herum, dass eine richtig dosierte Stimulanzientherapie mit diesen Medikamenten in der Regel eine grosse Unterstützung ist», sagt Ryffel. Er ist sogar der Ansicht, dass die Medikamente immer noch in ungenügender Zahl verschrieben werden. Den Homöopathieansatz habe er selbst auch verfolgt, dann aber wieder verlassen: «Wenn ich in meiner dreissigjährigen Praxis einen alternativen Ansatz gesehen hätte, der sich besser bewähren würde als die Stimulanztherapie mit Medikamenten, wäre ich der Erste, der ihn im Interesse der Betroffenen einsetzen würde.»

fis

07. März 2007


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