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Artikel | K-Tipp 1/2007

Dicke Luft im Klassenzimmer

In neueren Schulbauten ohne Lüftungsanlage ist fast immer zu viel Kohlendioxid in der Luft. Das macht nicht nur müde, sondern auch krank.

Sie sitzen am Pult, gähnen und können sich kaum konzentrieren. Schülerinnen und Schülern ist im Unterricht oft weit mehr nach Dösen als nach Lernen zumute.

Kann sein, dass es am Schulstoff liegt. Vor allem aber dürfte die Luftqualität im Klassenzimmer schuld sein: Bei hoher Kohlendioxid-Konzentration (CO2) ist Schläfrigkeit fast unvermeidlich. Auch Augenreizungen, Kopfschmerzen und Atembeschwerden treten auf. Und das Risiko, sich mit einer über die Luft verbreiteten Krankheit anzustecken, steigt klar an, wie aktuelle Untersuchungen aus Holland belegen.


Nur kurz lüften schafft kein gutes Raumklima

Das Problem zeigt sich besonders an Schulen, die in den letzten 10 bis 15 Jahren erstellt worden sind. Deren Gebäudehüllen sind nahezu dicht. Das beeinträchtigt den Raumluftwechsel massiv. Aus diesem Grund verfügen Minergie-Schulbauten über mechanische Lüftungsanlagen.

Andere Schul-Neubauten jedoch haben meist nur Fenster. Und sie in der Pause kurz zu öffnen, schafft noch kein gutes Raumklima. Das haben Messungen während des Winters an deutschen und österreichischen Schulen ergeben.
Danach ist die CO2-Konzentration in dichten Bauten bei üblicher Fensterlüftung in 9 von 10 Zimmern zu hoch. Das heisst, sie liegt im Tagesmittel deutlich über 1000 ppm (parts per million). «In der Schweiz ist das nicht anders», sagt Umweltingenieur Udo Heinss von der Zürcher Bau- und Umweltchemie AG.

Heinss hat im Auftrag des Kantons Aargau in sechs neueren Schulhäusern Messungen gemacht. Resultat: Bei Bauten ohne mechanische Lüftung war die CO2-Konzentration in den von Vollklassen belegten Zimmern über einen Grossteil der Unterrichtszeit höher als 2000 ppm. Und dies trotz regelmässigen Lüftens in den Pausen. Die Spitzenkonzentrationen lagen über 3000 ppm.

Nach heutigem Wissensstand darf die CO2-Konzentration 1000 ppm im Tagesmittel und 1500 ppm als Spitze nicht überschreiten. Andernfalls wird das Wohlbefinden der Schüler beeinträchtigt. Diese Werte sind in Deutschland zur Dimensionierung von Lüftungsanlagen bereits verbindlich. Sie sollen auch in die Schweizer SIA-Norm 382/1 einfliessen, die derzeit revidiert wird.


Drehflügel- statt Kippfenster einbauen

Für Heinss ist klar: In neueren Schulbauten ohne Lüftungsanlage brauchts eine bessere Frischluftzufuhr. Konkret empfiehlt er,
- Kipp- durch Drehflügelfenster zu ersetzen, die sich weit öffnen lassen
- in den Pausen stets durch Gegenlüften Durchzug zu erzeugen
- auch während des Unterrichts zu lüften

Die sogenannte Luftampel kann helfen, Zeitpunkt und Dauer des Lüftens zu optimieren. Sie leuchtet je nach CO2-Konzentration grün, gelb oder rot und zeigt so an, ob Lüften nicht nötig, sinnvoll oder dringend ist (Preis: Fr. 498.-, erhältlich unter www.raumlufthygiene.ch).

Der Aargau hat übrigens auf die Studie zur CO2-Konzentration reagiert: Resultate und Empfehlungen wurden an alle Gemeinden und Schulpflegen im Kanton verschickt. Und für Schulneubauten gibt es jetzt höhere Subventionsbeiträge, sofern die Häuser im Minergie-Standard mit Lüftungsanlage realisiert werden.


Link zur Aargauer Studie www.ag.ch/fachstelle_energie, unter Suche «Studie Luftqualität» eingeben.



Problem nicht überall erkannt

Orten neben dem Aargau weitere Kantone Handlungsbedarf, was die Raumluft in Schulen betrifft? Der K-Tipp hat nachgefragt - die Bilanz ist durchzogen.

- Sechs Kantone - AI, AR, BS, GR, UR, VS - haben nicht geantwortet.
- In BL, NW, OW hiess es, man sehe keinen Anlass für Massnahmen - obschon die Kohlendioxid-Konzentration bis jetzt offenbar noch nie gemessen wurde.
- An Schulen für gute Raumluftqualität zu sorgen, sei primär Aufgabe der Gemeinden, halten diverse Kantone fest.
- Zumindest für kantonale und vom Kanton subventionierte Neubauten sehen etwa FR, SG, SO, TG und ZH im Grundsatz mechanische Lüftungsanlagen vor.
- Mehrere Kantone versichern ferner, Schulbehörden und Lehrer gezielt zur CO2-Problematik informiert zu haben oder es tun zu wollen.

17. Januar 2007 | Gery Schwager


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