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Eine Hitze von bis zu 33 000 Grad, eine Stromstärke von gegen 220 000 Ampere - an einem Strand in Kroatien traf der Blitz Eszter Horvath-Tüskei. Seither hat sich in ihrem Leben alles verändert.
Es geschah am letzten Urlaubstag. Eszter Horvath-Tüskei und ihr damaliger Ehemann hielten sich am Strand auf. Sie machten Fotos - zur Erinnerung an die schönen Ferien. Spannung lag in der Luft. «Den ganzen Tag über hatte Gewitterstimmung geherrscht», erzählt Horvath-Tüskei rückblickend. Schliesslich kehrte das Paar zum Auto zurück. «Ich wollte die Fotosachen ins Auto legen.» In diesem Augenblick traf sie der Blitz. Horvath-Tüskei: «Doch davon bekam ich nichts mit.»
«Es roch verbrannt, und ich merkte: Das ist mein Körper»
Tage später erwachte Eszter Horvath-Tüskei aus dem Koma. «Es roch stark nach Verbranntem.» Allmählich realisierte sie, dass ihr eigener Körper diesen Geruch verströmte. Der Blitz hatte sie getroffen, nachdem sie die Autotür geöffnet hatte. Ein gleissendes Licht, während eines Bruchteils einer Sekunde. «Mein Ex-Mann hat mir später erzählt, dass er meine Knochen für einen Augenblick wie auf einem Röntgenbild habe sehen können.»
Der Blitz hatte Horvath-Tüskei schwer verletzt. «Ich hatte mehrere Herz- und Atemstillstände. Meine Lunge kollabierte. An der rechten Gesichtshälfte und am rechten Oberarm hatte ich schwere Verbrennungen. Im rechten Ohr war das Trommelfell geplatzt.» Überlebt hat die junge Frau dank ihres Ex-Mannes: «Er begann mich sofort mit dem Mund zu beatmen. Zudem hörte er mit der Herzdruckmassage erst auf, als der Notarztwagen da war.»
Ein Wunder, dass sie noch lebt: Denn ein Blitz enthält ungeheure zerstörerische Kräfte. Er ist bis zu 33 000 Grad heiss. In einem Zeitraum von einer Tausendstelsekunde kann er eine Spannung von bis zu zehn Millionen Volt erzeugen und eine Stromstärke von bis zu 200 000 Ampere.
In der Schweiz sterben jedes Jahr rund fünf Menschen an den Folgen eines Blitzeinschlags. Aufsehen erregte das Drama eines Grillabends im letzten September in Schaffhausen: Der Blitz erschlug zwei junge Männer, die unter einem Baum Schutz vor dem Gewitter gesucht hatten.
Wer solche gewaltigen Naturkräfte überlebt, hat Glück. Führende Expertin in der Blitzmedizin ist die US-Amerikanerin und Professorin Mary Ann Cooper von der Universität in Chicago, Illinois. Sie weiss aufgrund ihrer Erfahrung und von ihren Patienten: «Entscheidend ist, an welcher Stelle am Körper der Blitz einschlägt - und wo überall der Strom durch den Körper dringt.»
Der grösste Teil des Blitzstroms fliesst der Körperoberfläche entlang. Er reisst die Kleider auf und verbrennt die Haut. Der Strom dringt aber auch ins Körperinnere ein, zerstört Gewebe und schädigt Organe sowie das Nervensystem. Der Blitzstrom stört zudem den Herzrhythmus und kann so zum Herzstillstand führen. Mary Ann Cooper: «Wenn der Blitz zwischen zwei Herzschlägen einschlägt, hat das Opfer bessere Chancen zu überleben.»
Die ersten Minuten entscheiden über Leben und Tod
Die häu?gste Todesursache nach dem Blitzschlag sind Herzstillstand und gelähmte Atemmuskulatur.
Die ersten Minuten nach dem Unfall sind deshalb entscheidend. Mary Ann Cooper: «Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzdruckmassagen können Leben retten.» Helfer müssen sich nicht fürchten: Es sei Aberglaube, dass vom Blitz Getroffene elektrisch aufgeladen seien.
Viele Überlebende leiden an Spätfolgen des Blitzes. Chronische Müdigkeit, Schmerzen, aber auch Gedächtnis-, Konzentrations- und Schlafstörungen zeigen sich häu?g erst Monate nach dem Unfall.
Blitzopfer klagen später oft über Tumoren
Diese Erfahrung macht auch Eszter Horvath-Tüskei. Heute - bald sechs Jahre nach dem Unfall - hat sie chronische Schmerzen, abwechselnd in der Kopfhaut, in den Augen, Ohren und Zähnen. Aber auch Halswirbelsäule, Ober- und Unterarme sowie der obere Rückenbereich schmerzen immer wieder. Ihren Beruf hat sie deswegen aufgeben müssen.
Heute begleitet sie mit ihrem Hund Behinderte im Alltag. Das Ereignis hat Horvath-Tüskei zudem geprägt. «Der Blitzschlag hat mein Verhältnis zum Tod verändert», sagt sie. «Ich habe gelernt, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren.»
Vor kurzem entdeckten Ärzte bei Eszter Horvath-Tüskei drei Tumoren in der Brust und entfernten sie. Auch andere Blitzopfer berichten von Tumoren. Blitzexpertin Cooper äussert sich jedoch zurückhaltend, ob dies Spätfolgen von Blitzeinschlägen sind: «Bis heute ist ein Zusammenhang nicht nachweisbar.»
So schützen Sie sich vor Blitzen
- Messen Sie die Zeit zwischen Blitz und Donner. Sind es weniger als 30 Sekunden, hat das Gewitter die gefährliche 10-Kilometer-Distanz unterschritten: Suchen Sie sofort Schutz auf.
- Gehen Sie in ein Gebäude oder setzen Sie sich in ein Auto. Schalten Sie sämtliche elektronischen Geräte im Auto aus.
- Suchen Sie notfalls eine Bodenmulde auf, in der sich keine Pfützen bilden können. Gehen Sie mit dicht nebeneinander gesetzten Füssen in die Sitzhocke und umschlingen Sie Ihre Beine. Legen Sie sich keinesfalls flach auf den Boden und rennen Sie nicht umher.
- Meiden Sie den Waldrand, einzeln stehende Bäume, Anhöhen (auch Dünen) und Wasserflächen.
- Halten Sie möglichst grossen Abstand zu anderen Personen, Pferden, Kühen, Aussenwänden und Metallgegenständen.
- So helfen Sie einem Opfer: Alarmieren Sie den Rettungswagen. Versuchen Sie sofort zu reanimieren, das bedeutet: zuerst Herzdruckmassage, dann Mund-zu-Mund-Beatmung.
Haben Sie Erfahrungen mit Blitzschlägen?
Schreiben Sie uns. Wir behandeln ihre Angaben vertraulich.
Redaktion Gesundheitstipp, «Blitzschlag», Postfach 277, 8024 Zürich oder redaktion@gesundheitstipp.ch
07. Juni 2006 | Regula Schneider
