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Artikel | saldo 2/2005

"Verkocht", "leicht faulig" und "nach Kartoffeln riechend"

Orangenjus gilt als gesund. Für saldo degustierten Experten zehn Produkte blind und kamen zu einem vernichtenden Urteil: Kein Saft schmeckte wirklich gut.

Vitamine stärken die Abwehrkräfte und beugen Erkältungskrankheiten vor. Deshalb greifen viele Menschen täglich zu einem Glas Fruchtsaft - vor allem in der nasskalten Jahreszeit. Besonders beliebt ist Orangenjus; rund 9 Liter trinkt der Durchschnittsschweizer Jahr für Jahr.

Tatsächlich deckt bereits ein Glas den Bedarf an Vitamin C für den ganzen Tag. Zudem enthält Orangensaft weitere wertvolle Inhaltsstoffe wie Kalium und Betacarotin. Doch Saft ist nicht gleich Saft. In den Regalen der Supermärkte finden sich vor allem Produkte, die aus Konzentrat gewonnen werden: Dem frisch gepressten Orangensaft wird das Wasser entzogen, sodass nur noch eine dickflüssige Masse übrig bleibt.


Bio-Säfte nicht besser als günstige Eigenmarken

Das tiefgefrorene Konzentrat lässt sich wesentlich günstiger transportieren als sogenannter Direktsaft, der nach der Pressung samt seinem Wasseranteil auf die Reise geht. Mit dem Konzentrat hingegen wird nur die eigentliche Essenz der Orange verschickt - später fügen die Hersteller das entzogene Wasser und die Orangenaromen wieder hinzu.

Direktsäfte sind meist deutlich teurer als Jus aus Konzentrat. Doch sind sie auch besser? saldo bat vier Experten zu einer Blinddegustation in die Hotelfachschule Belvoirpark in Zürich: Marcel Iten, Inhaber des Zürcher «Saftlade», Sensoriker Peter Dürr und Agronom Christian Eigenmann, beide von der Forschungsanstalt Agroscope in Wädenswil ZH, sowie Ruth Johnson, Autorin von Getränke- und Kochbüchern und Inhaberin der Catering-Firma Heaven-Sent. Das Team degustierte zehn Orangensäfte, die zwischen 1 und 6 Franken pro Liter kosteten.

Die Spezialisten beurteilten die Produkte nach ihrem Aussehen, ihrem Geruch und ihrem Geschmack. Das Resultat: Kein einziger Saft überzeugte auf der ganzen Linie - weder die günstigen Eigenmarken der Grossverteiler noch die teuren Bio-Säfte.

Die Experten bewerteten zwei Produkte mit der Note «mangelhaft» - die übrigen acht erreichten gerade mal die Note «genügend», wobei sich zwei Jus ein wenig vom Durchschnitt absetzen konnten: Granini und Hohes C. Die Tester beurteilten die beiden Getränke noch am ehesten als fruchtig und attestierten ihnen eine deutlich wahrnehmbare Säure; die beiden Säfte zeichneten sich ausserdem durch einen angenehmen Geruch aus. «Intensiv und satt», lautete etwa das Urteil von Christian Eigenmann.


Pasteurisierung: Verschlechtert den Geschmack

Bei den meisten anderen Säften bemängelte das Degustationsteam einen unterschiedlich stark ausgeprägten Kochton, der sich sowohl in der Nase wie auch im Gaumen bemerkbar machen kann. Zurückzuführen ist diese Note darauf, dass die Säfte pasteurisiert sind: Sie werden für einige Sekunden auf 80 bis 100 Grad Celsius erhitzt, um Mikroorganismen abzutöten und die Produkte dadurch länger haltbar zu machen. Je nachdem, wie lange die Flüssigkeit erhitzt oder gelagert wird, sind Auswirkungen auf Geruch und Geschmack unausweichlich.

Als eher unangenehm taxierten die vier Experten den Geruch der Eigenmarken von Migros, Coop und Carrefour. Ihre preisgünstigen Produkte wurden als «fad und flach», «dumpf», «recht herb» oder «verkocht und nach Kartoffeln riechend» beschrieben.

Doch auch der Biotta-Saft konnte die Nasen der Tester nicht überzeugen: Peter Dürr und Marcel Iten nahmen beim Bio-Produkt eine leicht «faulige Note» wahr. Beim Geschmack schnitt dieser Jus allerdings viel besser ab als die Eigenmarken der drei Grossverteiler. Ruth Johnson: «Dieser Saft erinnert am ehesten an frischen Orangensaft.» Vor allem der hohe Anteil an Fruchtfleisch sagte den Spezialisten zu.


Konzentrat oder Direktsaft: Kein grosser Unterschied

Fazit der Degustation: Die beiden vergleichsweise teuren Direktsäfte von Biotta und Coop Naturaplan schmecken nicht besser als die besten Produkte aus Konzentrat.
Bezeichnend ist denn auch, dass die Experten nur ein einziges Glas leerten: jenes, das ihnen nach Abschluss der offiziellen Degustation gereicht wurde. Es enthielt frisch gepressten Orangensaft.



So gesund sind Fruchtsäfte

Ernährungsberater empfehlen zwei bis drei Portionen Früchte täglich für eine optimale Versorgung des Körpers. Eine Portion darf auch als Saft genossen werden.

Bezüglich Vitamin- und Mineralstoffgehalt unterscheiden sich Frucht und Jus nur unwesentlich, wobei haltbar gemachte Säfte oft zusätzlich angereichert sind. Allerdings: «Der Gehalt an Nahrungsfasern, die für die Darmtätigkeit wichtig sind, ist im Saft wesentlich geringer als in frischen Früchten», gibt Muriel Jaquet von der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung zu bedenken.

Durch den natürlichen Fruchtzucker wirkt Orangensaft als Energiespritze. Oft wird dabei vergessen, dass der Jus auch Kalorien liefert - etwa 50 pro 100 Milliliter. Muriel Jaquet: «Als Durstlöscher sollten Fruchtsäfte immer mit Wasser verdünnt werden.»




Viel Wasser und Zucker - wenig Frucht

Schmeckt wie frisch gepresst», «Neue Ernte», «Bodyguard»: Fruchtsaftgetränke werden mit grossen Versprechen und klingenden Namen beworben. Doch bei vielen Produkten handelt es sich statt um Fruchtsaft nur um Nektar oder ein Tafelgetränk.

Ein Beispiel: Die zu Rivella gehörende Marke Michel signalisiert auf ihren Glasflaschen, sie enthielten reinen Fruchtsaft. Der Preis: Fr. 3.10 für 0,75 Liter Blutorangengetränk Sanguella. Auf dem Deckel heisst es in goldenen Lettern «erntefrisch gepresst».

Erst im Kleingedruckten erfahren die Konsumenten, dass es sich bei Sanguella lediglich um ein Tafelgetränk handelt. Sein Hauptbestandteil ist Wasser - hinzu kommen Blutorangenkonzentrat, Zucker, Aromen und Farbstoffe. Peter Grütter vom Kantonslabor Basel: «Der Hersteller bewegt sich zwar im Rahmen des gesetzlich Erlaubten, aber konsumentenfreundlich ist das nicht.»

Die unterschiedlichen Bezeichnungen:
- Fruchtsaft: Er muss zu 100 Prozent aus dem Saft frischer Früchte bestehen - dazu gehört auch der Saft aus Konzentrat.
- Fruchtnektar: Dieses Getränk darf mit bis zu 20 Prozent Zucker sowie zusätzlichem Wasser versetzt werden. Je nach Fruchtsorte muss ein Nektar 25 bis 50 Prozent Fruchtsaft enthalten - bei Orangen sind es 50, bei Passionsfrüchten nur 25 Prozent.
- Tafelgetränke mit Fruchtsaft: Sie weisen einen noch geringeren Fruchtgehalt auf als Nektar und haben einen deutlich geringeren Gehalt an Vitaminen und Mineralstoffen als Säfte.




Miserable Bedingungen

Das meiste Orangensaftkonzentrat kommt aus Brasilien und den USA - über zwei Millionen Tonnen pro Jahr. Aus einer Tonne lassen sich 5500 Liter Saft herstellen. 70 Prozent des Orangensafts, der in der Schweiz konsumiert wird, stammt aus Brasilien. Die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen sind extrem hart: Die Pflückerinnen und Pflücker erhalten keine fixen Löhne, sondern werden pro Kiste bezahlt. Ihr Monatsverdienst beläuft sich auf 110 bis 130 Franken - dabei arbeiten sie während der Erntezeit über 70 Stunden pro Woche.

1999 lancierte die Max-Havelaar-Stiftung einen Orangensaft, der auch den Plantagenarbeitern einen fairen Preis garantieren soll. 2003 wurden in der Schweiz von diesem Produkt 3,3 Millionen Liter verkauft; das entspricht einem Marktanteil von rund 5 Prozent.

02. Februar 2005 | Sigrid Cariola


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