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Artikel | saldo 6/2003

Vollinvalid wegen einer Fehldiagnose

Zecken übertragen gefährliche Krankheiten. Oft sind die Symptome schwierig zu erkennen. Für Konrad Keller kam die richtige Diagnose zu spät.

Konrad Kellers Orgel bleibt stumm. Der Kirchenmusiker hat sein Instrument seit Jahren nicht mehr angerührt. Nach einem Zeckenstich kann er seinen Beruf nicht mehr ausüben: Er ist vollinvalid, weil die richtige Diagnose erst nach drei Jahren gestellt wurde.

Der Orgelmusiker besuchte 1992 eine Weiterbildung, die in einem Haus am Waldrand stattfand. Wieder zu Hause, überfielen ihn grippeartige Symptome. Der Arzt wies ihn ins Spital ein. Man stellte eine Viruserkrankung fest. Nach einigen Tagen wurde Konrad Keller heimgeschickt. Der Berufsmusiker erholte sich nur langsam. «Ich versuchte, mich mit den Schmerzen, die mich weiterhin quälten, abzufinden», erzählt er.

Konrad Keller wurde immer unsicherer und machte Fehler

Jahrelang spielte er weiter in der Kirche und leitete den Chor. Seine Frau unterstützte ihn. «Ich sass neben ihm auf der Orgelbank und fuhr mit dem Bleistift den Linien nach, weil er sich immer wieder in den Noten verirrte», erinnert sie sich.

Konrad Kellers Lehrer machte ihn eines Tages darauf aufmerksam, dass ihm immer häufiger Fehler unterliefen. Er riet ihm, den Spezialisten für Zeckenerkrankungen Norbert Satz zu konsultieren. Dieser stellte die Diagnose: Konrad Keller litt an Neuro-Borreliose, einer Krankheit, die von Zecken übertragen wird.

Jährlich erkranken etwa 3000 bis 5000 Menschen in der Schweiz an einer Borreliose. «Die bakterielle Krankheit ist mit Antibiotika gut behandelbar», weiss der Spezialist Norbert Satz. Dennoch werden 10 Prozent invalid. «Die Krankheit ist schwer zu erkennen und wird deshalb oft falsch oder gar nicht behandelt.»

Auch bei Konrad Keller wurde die Krankheit viel zu spät erkannt. Er verbrachte sechs Wochen im Spital, wo er eine radikale Antibiotikakur über sich ergehen liess. Seine Kopfschmerzen, die Muskelkrämpfe, die grosse Licht- und Lärmempfindlichkeit verbesserten sich aber nicht. Und vor allem: Sein Spiel auf der Orgel blieb unsicher. Er schloss sein heiss geliebtes Instrument und kündigte.

Die falsche Diagnose zu Beginn hatte dazu geführt, dass sich die Erreger in seinem ganzen Körper inklusive Gehirn eingenistet und irreparable Schäden hinterlassen hatten. Heute ist Konrad Keller vollinvalid. Er ist schnell erschöpft, ungewohnte Situationen verwirren und ermüden ihn. Der enthusiastische Musiker kann keine Melodien mehr hören, die Töne tun ihm weh. Muskelkrämpfe plagen ihn. Aber er gibt nicht auf. Er hat ein neues Hobby gefunden: die Fotografie. Seine Kreativität lebt wieder auf. «Mein Hobby gibt mir neue Kraft.»



"Zeckensprays helfen nicht zuverlässig"

Norbert Satz, Experte für Zeckenerkrankungen, zu Lyme-Borreliose und Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME).


Puls: Worin unterscheiden sich die beiden Krankheiten?

Norbert Satz: FSME ist eine Viruserkrankung, eine Behandlung ist also nicht möglich. Betroffen ist fast ausschliesslich das Gehirn. Die Lyme-Borreliose ist eine bakterielle Erkrankung und gut behandelbar. Verschiedene Körperpartien sind betroffen, vor allem Gelenke, Haut und Gehirn.


Wann soll jemand zum Arzt?

Ein Zeckenstich allein ist noch kein Grund, den Arzt aufzusuchen. Erst wenn sich grippeähnliche Symptome wie Kopfschmerzen, Hautausschlag oder Gelenkschmerzen Tage oder gar Wochen später zeigen, ist medizinische Hilfe nötig.


Was nützen Zeckensprays?

Zeckensprays können ein zusätzlicher Schutz sein. Sie ersetzen aber nicht die anderen Vorsichtsmassnahmen. Denn: Die Sprays sind unzuverlässig und wirken höchstens zwei Stunden.


Wie sinnvoll ist die Impfung gegen FSME?

Sie ist sehr sinnvoll, weil sie sehr gut ist und kaum ernsthafte Nebenwirkungen auftreten. Wer in einem Hochrisikogebiet lebt, sich in der Freizeit oder beruflich viel im Wald aufhält, sollte sich unbedingt impfen lassen. Ich befürworte sogar eine Durchimpfung der gesamten Bevölkerung, wie es in Österreich gemacht wurde. Dort hat man die FSME-Fälle auf ein Minimum reduzieren können.


Sind die Zecken, die Hund und Katze befallen, für den Menschen gefährlich?

Im Prinzip ja. Grosse Zecken bevorzugen aber Pelztiere als Wirte. Sie springen nicht vom Tier auf den Menschen. Zecken, die vom Tier abgefallen sind, bergen keine Gefahr mehr.

Sb




So schützen Sie sich

- Lange Hosen, gute, hohe, geschlossene Schuhe tragen.

- Nach Spaziergängen oder Picknicks im Wald den Körper sorgfältig absuchen. Die Zecken verkriechen sich mit Vorliebe an verborgenen Stellen: Achselhöhlen, Kniekehlen, Leistengegend und Haaransatz.

- Zecke sofort entfernen. Sie darf nicht mit Öl oder anderen Flüssigkeiten übergossen werden. Die Zecke wird mit einer geraden Zugbewegung herausgeholt. Falls der Kopf stecken bleiben sollte, bitte zum Arzt. Wunde desinfizieren. Ganz wichtig: Stichort auf der Haut bezeichnen, Datum aufschreiben!

- Bei allfälligen Symptomen wie grosser Müdigkeit, Fieber, Kopfschmerzen, Licht- und Lärmempfindlichkeit sofort den Arzt aufsuchen, Datum und Stichort mitteilen. Weitere Anzeichen sind Hautverfärbungen, typische rote Kreise, weissliche Hautflecken.



Gefährliche Krankheitsüberträger

Zecken übertragen gefährliche Krankheiten: Lyme-Borreliose und eine Form der Hirnhautentzündung (Frühsommer-Meningoenzephalitis, kurz FSME). Die winzigen Insekten halten sich im Unterholz des Waldes und im Gras auf. Mit ihrem Rüssel stechen sie in die menschliche Haut und beginnen, Blut zu saugen. Wenn sich ihr Magen gefüllt hat, erbrechen sie das Blut, das dann wieder in die Stichwunde zurückläuft. Dieser Vorgang wiederholt sich unzählige Male. Je länger eine Zecke saugen kann, umso grösser ist die Gefahr einer Übertragung.

Zecken, die Lyme-Borreliose übertragen (3000-5000 Fälle im Jahr), befinden sich überall unter 1000 m (braunes Gebiet)

Zecken, die FSME übertragen, sind seltener (150 Fälle im Jahr; Hochrisikogebiete dunkelgrün)

02. April 2003 | Renata Münzel


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