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Richtig dosiert kann die Sonne vor elf Krebsarten, vor Herzinfarkt und Diabetes bei Kindern schützen. Das haben US-Forscher herausgefunden. Hautärzte sind entsetzt: Was wird aus ihrem Kampf gegen Hautkrebs?
Claudia Peter cpeter@pulstipp.ch
Christine Frey liebt die Sonne. Wenn sie Zeit hat, legt sie sich für ein paar Minuten in den Garten. «Solange ich mir keinen Sonnenbrand hole, fühle ich mich sicher», sagt sie.
Ihr Freund Benjamin findet allerdings, dass sie es mit dem Sonnenbaden stark übertreibt. Ständig warnt er sie vor der Gefahr von Hautkrebs. Doch Christine Frey lässt sich nicht abschrecken. «Ich spüre, wie gut mir die Sonne tut. Sie ist lebenswichtig», sagt die Zürcher Journalistin.
Sie und ihr Freund stecken im gleichen Dilemma wie Tausende anderer Menschen in der Schweiz: Sie würden zwar gerne sonnenbaden - doch aus Angst vor dem Hautkrebs verzichten sie darauf.
Jetzt bekommen die Sonnenanbeter Unterstützung aus der Wissenschaft. Der Meteorologe William S. Grant von der US-Raumfahrtbehörde NASA rüttelt die Fachwelt auf. Er hatte festgestellt, dass im Norden der USA zweimal mehr Menschen an Krebs sterben als im sonnigen Südwesten. An der Ernährung könne das nicht liegen, denn die sei in beiden Landesteilen fast gleich.
Grant fragte sich: Spielt etwa die Sonne eine Rolle? Er verglich und analysierte Gesundheitsstatistiken und Daten über die Sonneneinstrahlung der vergangenen drei Jahrzehnte in den USA. Im renommierten Fachblatt «Cancer» vom März gab er schliesslich die Antwort - und löste eine heftige Kontroverse aus. Und das sind die wichtigsten Erkenntnisse:
- Im sonnenreichen Süden erkranken viel weniger Menschen an einer der folgenden 11 Krebsarten als im Norden. Es handelt sich um Blasenkrebs, Brustkrebs, Dickdarmkrebs, Eierstock- und Gebärmutterhalskrebs, Magenkrebs, Mastdarmkrebs, Prostatakrebs, Non-Hodgkins-Lymphom, Nierenkrebs, Speiseröhrenkrebs.
- Bei sieben dieser Krebsarten wies Grant den Zusammenhang zwischen kurzer Sonnenscheindauer und Krebshäufigkeit auch für Europa nach. Die Studie hat er allerdings noch nicht veröffentlicht.
- Zu wenig Sonnenschein in den nördlichen Landesteilen der USA wird laut Grant alleine in diesem Jahr zu 30 000 zusätzlichen Krebstoten führen.
Auch andere Forscher haben festgestellt, dass zwischen Sonnenstrahlung und gewissen weiteren Krankheiten ein Zusammenhang besteht:
- Kinder, die kaum an die Sonne gehen, haben ein grösseres Risiko, an Diabetes zu erkranken.
- Sonnenschein spielt auch bei Herzkrankheiten eine Rolle. Es gibt in nördlichen Ländern mehr Herzkranke - dies vor allem im sonnenarmen Winter.
- Sonnenschein trägt dazu bei, dass die schmerzhafte rheumatische Arthritis langsamer verläuft.
- Sonnenschein wirkt heilend beim Prämenstruellen Syndrom (PMS) und der so genannten Winterdepression.
Dank dem Sonnenlicht kann der Mensch Vitamin D produzieren. Dieses sorgt dafür, dass die Knochen Kalzium aufnehmen. Ausserdem spielt es eine wichtige Rolle im Zellstoffwechsel. Das Vitamin hilft mit, dass sich Zellen verschiedenartig entwickeln und so ihre vielfältigen Aufgaben im Körper erfüllen können. Und es erschwert ein sinnloses Vermehren der Zellen, das im Extremfall zu Krebs führen kann.
Wie wichtig Vitamin D ist, weiss man schon seit 180 Jahren. Damals fiel britischen Medizinern auf, dass viele Kinder in Bergwerksregionen von klein auf krank waren. Ihre Knochen waren schwach, die Brust eingefallen. Die Ärzte nannten die Krankheit Rachitis und stellten fest, dass Sonnenschein oder Lebertran den Zustand der Kinder verbessert. Daher gab man Kindern früher Lebertran. Der wichtigste Stoff im Fischöl: Vitamin D.
Doch weitaus das meiste Vitamin D produziert der Mensch selber mit Hilfe der Sonne. Aus ihr schöpft der Körper die Energie, um es herzustellen. In der Haut fängt ein hormonähnliches Molekül die Strahlen ab. Verschiedene Organe, darunter die Nieren, wandeln das Molekül in Vitamin D um. Dieser Prozess funktioniert nur mit UVB-Strahlen der Sonne.
Die langwelligeren UVA-Strahlen, aus denen das Sonnenlicht zu 95 Prozent besteht, können kein Vitamin D produzieren. Genau hier liegt die Kehrseite der Medaille. Denn ein Zuviel an energiereichen UVB-Strahlen löst auch Sonnenbrand aus. Aus einem Sonnenbrand kann noch Jahre später das Melanom, der lebensgefährliche schwarze Hautkrebs, entstehen.
Das Melanom ist die zurzeit sich am stärksten ausbreitende Krebskrankheit, nicht nur in der Schweiz. Aus diesem Grund warnen Dermatologen seit Jahren davor, die Haut länger der Sonne auszusetzen.
Deshalb lautet die entscheidende Frage: Wie viel Sonne ist gesund? Und genau darum lösten Grants Studien in den USA sofort eine Kontroverse aus. Schon am Abend des Tages, an dem sein Artikel erschienen sei, habe er den Anruf eines führenden Hautkrebs-Forschers erhalten, berichtet der Wissenschaftler. Dieser warnte Grant: Er solle sich zurückhalten. Seine Aussagen würden nur zu mehr Hautkrebsopfern führen.
Schweizer Hautärzte sind sich nicht einig
Doch Grant bekommt auch Unterstützung - aus europäischen Ländern. Professor Meinrad Peterlik, Leiter des Instituts für Pathophysiologie an der Universität Wien, hat bereits vor zehn Jahren im Reagenzglas nachgewiesen, dass Vitamin D Darmkrebszellen am Wachsen hindert. «Grants Studien sind faszinierend», sagt er. «Sie bestätigen uns, dass Vitamin D einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen den Krebs leisten kann.»
Dennoch stossen die Studien auch bei Schweizer Hautärzten auf Widerstand. Der Grund ist ebenfalls die Furcht vor dem schwarzen Hautkrebs. So ist die Hautärztin Ruth Gonseth aus Liestal nicht glücklich über die Diskussion um das Vitamin D: «Ich warne meine Patienten dauernd vor der Sonne. Ich möchte mehr Studien sehen, bevor ich ihnen etwas anderes rate.»
Der gleichen Ansicht ist Michael Streit, Oberarzt für Dermatologie am Inselspital Bern. Er argumentiert, dass es nach allgemeiner Auffassung ausreiche, sich bei Tageslicht draussen aufzuhalten. Der Körper produziere so genügend Vitamin D.
Nur Professor Stanislav Büchner, leitender Arzt der Dermatologischen Universitätspoliklinik am Kantonsspital Basel, meint, dass es vernünftig sei, «etwa dreimal pro Woche Hände und Gesicht zehn Minuten lang der Sonne auszusetzen. Dadurch kann man der Gefahr eines Melanoms aus dem Weg gehen und gleichzeitig den Körper mit ausreichend Vitamin D versorgen.»
Ein Zürcher Dermatologieprofessor, der nicht genannt werden will, findet gar, die Diskussion sei eine «Katastrophe für die Hautkrebsprävention». Er bestreitet, dass es notwendig sei, in die Sonne zu gehen, um Vitamin D zu bekommen: «Es reicht doch, an einem trüben Novembertag um neun Uhr morgens spazieren zu gehen.»
«Das stimmt nicht», ereifert sich Professor Reinhold Vieth. Der Vitaminexperte aus dem kanadischen Toronto befasst sich seit Jahren mit Vitamin D. Er kritisiert die Haltung der Dermatologen scharf. Es sei längst nachgewiesen, dass es in Italien genauso wie im nördlichen Teil der USA im Winter kein UVB-Licht gäbe.
Vieth wirft den Dermatologen vor, nicht über den Gartenzaun ihres Fachgebietes hinaus zu blicken. «Sie sehen nur den Hautkrebs und nicht die anderen Krebsarten. Sie wissen einfach überhaupt nichts über UVB-Strahlen und Vitamin D.» Und: «Grants Studie legt nahe, dass man viele Leben retten könnte, wenn die Menschen öfters in die Sonne gehen und UVB-Strahlung bekommen würden.»
Michael Holick, Vitamin-Experte aus Boston, befürchtet, dass die Menschen - auch in der Schweiz - eher zu wenig Vitamin D produzieren. «Wir haben eine unerkannte Epidemie des Vitamin-D-Mangels, vor allem bei älteren Menschen», sagt Holick.
Auch Meinrad Peterlik hat bei seinen Studien in Österreich herausgefunden, dass gegen dreissig Prozent der Bevölkerung im Winterhalbjahr unter einem Vitamin-D-Mangel leiden. Das liegt zum einen an der geografischen Lage. Holick hat festgestellt, dass in seiner Heimatstadt Boston von Oktober bis März selbst bei strahlendem Sonnenschein kein UVB-Licht vorhanden ist. Der Winkel der einfallenden Sonnenstrahlen ist dafür zu klein. Wichtig zu wissen: Boston liegt ungefähr auf dem gleichen Breitengrad wie Rom.
Auch die Schweizer Wetteranstalt Meteosuisse veröffentlicht ihren UV-Index nur in den Monaten Mai bis September. In den restlichen Monaten gibt es kaum etwas zu messen. Und ohne UVB-Licht wird auch kein Vitamin D produziert. Ausserdem hat die Haut im Alter nach 50 Jahren immer mehr Mühe, aus der UVB-Strahlung das Vitamin D zu bilden. Dies kann zu Kalzium-Mangel führen. Die gefürchtete Folge: Osteoporose.
Schliesslich führen die grassierende Angst sowie der Alltag in geschlossenen Räumen dazu, dass viele Menschen sich kaum noch ungeschützt der Sonne aussetzen. Wo das endet, sieht man in Saudi-Arabien: Mitten in einem der sonnenreichsten Länder der Erde leiden die meisten Frauen an einem bedenklich starken Vitamin-D-Mangel. Der Grund: Frauen dürfen aus traditionellen Gründen ihr Haus - wenn überhaupt - nur in langen, schwarzen Gewändern verlassen, die keinen Sonnenstrahl durchlassen.
Aus diesem Grund raten Grant und Holick, im Winterhalbjahr den Bedarf an Vitamin D durch künstliche Präparate zu decken. Diese Ansicht ist allerdings umstritten.
Die Schweizerische Vereinigung für Ernährung (SVE) empfiehlt eine Dosis von 5 Mikrogramm Vitamin D täglich. Senioren und Säuglinge sollten 10 Mikrogramm pro Tag erhalten. Bei ihnen ist das Vitamin für die Stabilität der Knochen speziell wichtig. Fisch, Leber und Milchprodukte sind gute Vitamin-D-Lieferanten. 100 Gramm Lachs enthalten rund 15 Mikrogramm, ein Hühnerei 1 Mikrogramm und 10 Gramm Butter 0,1 Mikrogramm Vitamin D.
In der Schweiz sind gewisse Frühstücksgetränke, Margarinen und einzelne Milchprodukte mit Vitamin D angereichert. Sabine Jacob vom Institut für Ernährungwissenschaften der ETH Zürich ist allerdings skeptisch, ob die Mengen ausreichen, um den Bedarf zu decken.
Für Michael Holick bleibt die Sonne der beste Spender. «Wir fordern niemanden auf, stundenlang in der Sonne zu braten», betont Holick. Deswegen hält er den Streit zwischen Hautärzten und Vitamin-D-Experten für unnötig. Holick hat ausgerechnet:
Wenn sich ein hellhäutiger Mensch im Juli zur Mittagszeit im Badeanzug für zehn Minuten an die Sonne legt, hat er oder sie bereits 250 Mikrogramm Vitamin D über die Haut aufgenommen. Deswegen riskiert man noch lange nicht, an Hautkrebs zu erkranken. Zwei- bis dreimal pro Woche fünf Minuten lang Gesicht, Arme und Hände der Sonne entgegenzustrecken, «bringt» bereits 15 bis 25 Mikrogramm. «Das reicht noch aus», sagt Holick. Seine Angaben gelten für die Sonnenstrahlen in Boston oder Rom.
In unseren Breiten können sich - je nach Stärke der Sonnenstrahlen -, selbst hellhäutige Menschen länger an die Sonne wagen. Holick: «Wer sich ein paar Mal pro Woche nur für kurze Zeit in die Sonne setzt, braucht keine Vitamin-D-Tabletten», sagt er. «Das Risiko für Osteoporose, Knochenbrüche und einige Krebsarten sinkt. Und man fühlt sich einfach wohl.» Sonnenanbeterin Christine Frey weiss das schon lange - auch ohne wissenschaftliche Studien.
So lange können Sie gefahrlos die Sonne geniessen
Wer länger als die für seinen Hauttyp empfohlene Zeit in der Sonne bleiben möchte, sollte einige Vorsichtsmassnahmen ergreifen.
- Luftige, aber Arme und Beine bedeckende Kleidung tragen.
- Gute Sonnenbrillen kaufen.
- Sonnenschutzmittel mit ausreichendem Lichtschutzfaktor, die auch im UVA-Bereich wirksam sind, einreiben (australischer Standard).
- Kinder und Personen mit Hauttyp 1 sollten mindestens Schutzfaktor 15 wählen.
- Kleinkinder bis zu einem Jahr sollte man nicht direkt der Sonne aussetzen.
- In den Apotheken gibt es UV-Dosimeter-Strips, um den UV-Index zu messen.
01. Juni 2002
