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Artikel | Gesundheits-Tipp 8/2001

Schwarzer Hautkrebs - Viel zu häufig fa lscher Alarm

Krebsarzt kritisiert: «Übertriebene Nachkon trollen verunsichern diePatienten»

Hautärzte wollen mit aufwändigen Röntgenverfahren Ableger von schwarzem Hautkrebs aufstöbern - obwohl es gar keine Heilung gibt. Und: Bis sie einen einzigen Tumor finden, lösen sie über 100 Fehlalarme aus.

Tobias Frey tfrey@pulstipp.ch

Maya Zumbühl (Name geändert) kam in Teufels Küche: Nachdem ihr der Arzt ein Melanom aus dem Oberarm geschnitten hatte, wuchs wenige Monate später ein eigenartiger Knoten neben dem Auge. Der Hautarzt schnitt auch diesen heraus und schickte die Probe ein. Und auch der Fleck am Auge entpuppte sich als Krebs.

Doch was dann passierte, daran mag sich die 54-Jährige nur ungern erinnern: «Mein Arzt wurde sehr nervös. Ich musste sofort Bluttests machen und meinen ganzen Körper auf Metastasen durchleuchten lassen. Ich bekam Angst.» Zum Glück brachten diese belastenden Untersuchungen nichts Schlimmeres zum Vorschein. Deshalb ist für Maya Zumbühl heute klar: «Das würde ich nicht mehr mitmachen.»


Neue Richtlinien verlangen aufwändige Untersuchung

Doch der Hautarzt handelte so, wie es neue Richtlinien in der Schweiz vorsehen: Wer einmal Hautkrebs hatte, soll sich teuren und umstrittenen Nachkontrollen unterziehen - obwohl es gegen Krebsableger kaum wirksame Therapien gibt, die ein längeres Leben ermöglichen.

Bereits wenn das herausgeschnittene Melanom dicker ist als einen Millimeter, sollen sich Patienten jedes Jahr den gesamten Brustkorb röntgen lassen, um Metastasen in der Lunge aufzuspüren. War der herausoperierte Tumor dicker als vier Millimeter, sollen jedes Jahr neue und teure hochauflösende Verfahren wie Computertomografie (CT) oder Positron-Emissions-Tomografie (PET) den Körper durchleuchten.

Das löst Unmut aus unter Krebsärzten. Der Winterthurer Krebsspezialist und Medix-Arzt Christian Marti: «Das ist ein absurder technischer Aufwand. Es bringt den Patienten keine bessere Lebensqualität, wenn man sie auf diese Weise untersucht - ohne ihnen anschliessend eine sinnvolle Therapie anbieten zu können.» Der Patient müsse entscheiden, ob er solch belastende und ungewisse Untersuchungen trotzdem wolle. Professor Günter Burg, Direktor der Dermatologie am Universitätsspital Zürich und Mitautor der neuen Richtlinien, rechtfertigt sich: «Es ist fatalistisch zu meinen, gegen Metastasen könne man nichts tun.» Je früher man den Tumor erfasse, desto höher sei «möglicherweise» die Überlebensrate. Er muss allerdings zugeben, dass es an aussagekräftigen Untersuchungen mangelt: «Es gibt dafür keine randomisierten prospektiven Studien.»


Nur 1 entdeckter Krebs auf 130 Fehlalarme

Für Medix-Arzt Marti gibt es einen weiteren massiven Nachteil der Röntgen-Verfahren: Ihre Resultate sind häufig falsch. Dies zeigte eine amerikanische Studie mit 876 Melanom-Patienten in erschreckender Deutlichkeit. Brustkorb-Röntgen löste bei 130 Melanom-Patienten einen erneuten Krebs-Alarm aus. Doch nur einer hatte schliesslich wieder Krebs. Für Marti ist das unhaltbar: «Die Schweizer Hautärzte wollen ein Alarmsystem verkaufen, das über 100-mal mehr Fehlalarme erzeugt, als tatsächliche Krebsfälle aufdeckt. Dadurch geraten zu viele Patienten unnötig in Panik.»

Dermatologe Burg wiegelt ab: «Solche Fehlalarme verursachen zwar grundsätzlich vermeidbare Belastungen. Sie sind aber immer noch besser für den Patienten als übersehene Tumoren.»

Marti wundert sich, dass die neuen Richtlinien viel «aggressiver» sind als zum Beispiel die amerikanischen oder die australischen. Australien ist das Land mit den meisten Hautkrebs-Fällen und damit der grössten medizinischen Erfahrung. Die Behörden in Australien empfehlen, dass sich Patienten regelmässig die Haut und Lymphknoten nach Knoten absuchen und abtasten lassen. Komplizierte Röntgen-Verfahren wie CT oder PET empfehlen sie nur, wenn der Patient deutliche Krankheitssymptome hat.

Marti findet die australischen Massnahmen durchaus angemessen für die Schweiz: «Sie bringen den Patienten den grössten Nutzen.» Burg hält an den neuen Richtlinien fest: «Sie sind sorgfältig erarbeitet - und geeignet, der Minderheit unter den Ärzten entgegenzuwirken.»

Maya Zumbühl hat sich entschieden: Sie sucht, zusammen mit ihrem Arzt, regelmässig die Haut und Lymphknoten nach Krebsablegern ab. Sie sagt: «Solange ich mich gesund fühle, will ich keine zusätzlichen Untersuchungen machen.»



Hautkrebs - Nachkontrollen

- Australische Richtlinien: www.health.gov.au/nhmrc/publicat/synopses/cp68syn.htm

- US-Richtlinien: www.aad.org/Guidelines/malignantmelanoma.html

- Schweizer Richtlinien: Schweizerische Ärztezeitung, Nr. 21; Seite 1080 (2001) oder www.saez.ch/archiv.html

01. August 2001


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